Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
I.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
liebe Festgemeinde,
WWJD – das bedeutet: What would Jesus do? Übersetzt: „Was würde Jesus tun?“ Als junges Mädchen trug ich eine Zeitlang ein Armband, auf dem diese vier Buchstaben aufgedruckt waren: WWJD – was würde Jesus tun? Dieses kleine blaue Armband sollte für mich eine Erinnerung daran sein, in meinem Alltag innezuhalten und sich bewusst zu fragen: Wie würde Jesus jetzt handeln - in dieser Situation, mit diesem Menschen, in dieser Entscheidung?
Das Armband gibt es schon lange nicht mehr – es ist irgendwann kaputtgegangen. Aber die Frage, die es mir mitgegeben hat, begleitet mich bis heute. Sie ist mir tief ins Herz geschrieben: Was würde Jesus tun?
II.
WWJD - Um diese Frage zu beantworten, muss man Jesus kennengelernt haben. Sein Wesen, seine Worte, seine Taten. Dafür haben Sie vor vielen Jahren den Konfirmandenunterricht besucht. Hier lernten Sie als Jugendliche Jesus kennen. Man erzählte ihnen die schönen Geschichten von den 5 Broten und 2 Fischen oder wie er Wasser in Wein verwandelte, wie er über den See Genezareth lief oder Brot und Wein mit seinen Jüngern teilte. Sie mussten das Vaterunser auswendig lernen, das Glaubensbekenntnis, den Psalm vom guten Hirten und das ein oder andere Lied vom großen Paul Gerhardt. Ihre Pfarrer gaben Ihnen damals ganz viel mit auf den Weg und hofften, dass manches hängen bleibt. Mit der Konfirmation sendeten sie Sie als junge Erwachsene dann in Ihr Leben - in der Hoffnung, dass Sie Ihren Glauben bewahren und später an die eigenen Kinder und Enkelkinder weitergeben würden.
Und mit dieser kirchlichen Tradition beantworten wir bis heute die Frage „What would Jesus do?“ – Was würde Jesus tun? Denn das, was wir den Kindern und Jugendlichen anbieten und für sie tun, das hat er mit seinen Jüngern gemacht. Und davon erzählt das Matthäusevangelium:
9, 35 Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. 36 Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. 37 Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. 38 Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende. 10,1 Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen. 2 Die Namen aber der zwölf Apostel sind diese: zuerst Simon, genannt Petrus, und Andreas, sein Bruder; Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder; 3 Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus; 4 Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn verriet. 5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter, 6 sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. 7 Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. 8 Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.
III.
In der kurzen Zeit seiner Verkündigung – etwa 3 Jahre – war Jesus viel unterwegs. Matthäus berichtet, dass er durch alle Städte und Dörfer zog und dort in ihren Synagogen lehrte und predigte. Nun ist Israel kein besonders großes Land, aber es scheint in der Tat so gewesen zu sein, dass er keinen festen Wohnsitz hatte. Er wollte seine Botschaft zu so vielen Menschen wie möglich bringen. Und wer viel unterwegs ist, der sieht viel. Der begegnet Menschen – ihre Lebensgeschichten, ihre Lebenssituationen, ihr Glück und ihren Kummer.
36 Und als Jesus das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.
Gottes Sohn „jammert“ es beim Anblick der Welt. Er sieht das Leid und es geht ihm nahe. Es bedrückt ihn, wie verloren, ängstlich und allein sich die Menschen fühlen. Er leidet mit ihnen.
37 Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter.
Jesus erkennt: Die Not ist größer, als er allein tragen kann. Er braucht Menschen, die ihm helfen, die seine Botschaft weitertragen, Hoffnung bringen, Heil verkündigen. Und so beginnt er mit denen, die ihm am nächsten stehen: er beruft die 12. Petrus, Andreas, Jakobus, Johannes, Philippus, Bartholomäus, Thomas, Matthäus, noch ein Jakobus, Thaddäus, Simon und Judas.
5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: […] Geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. 7 Geht und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. 8 Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.
Jesus ruft die 12 in seine Nachfolge. Sie sollen tun, was er tat. Sie sollen sagen, was er sagte. Sie sollen leben, wie er lebte. Und es ist eine echte Berufung: Jesus zwingt sie nicht in den Dienst, aber es war auch keine freiwillige Bewerbung ihrerseits. Es war eine Berufung, ein Ruf in die Nachfolge, direkt von Gottes Sohn. Ihre Aufgabe ist klar: Geht und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.
Wie es den Jüngern mit dieser Berufung ging, berichtet Matthäus nicht. Waren sie stolz über so einen großen Auftrag? Oder überfordert? Fühlten sie sich stark oder voller Zweifel? Jesus jedenfalls lässt keine Fragen offen, keine Skepsis, keine Sorgen und keine Angst. Er gibt ihnen diesen klaren Auftrag: Geht und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.
IV.
WWJD – What would Jesus do? Das werden sich die Jünger in ihrem weiteren Leben noch oft gefragt haben. Denn was sie in diesem Moment noch nicht wussten, war, dass ihr Jesus vor ihren Augen sterben würde - hingerichtet am Kreuz. Und erst in der Rückschau verstanden sie, warum Jesus sie in die Nachfolge gerufen hatte: Sie waren seine Nachfolger. Sie waren die, die seine Botschaft vom Himmelreich weitertragen sollten. Sie waren die Arbeiter, von denen Jesus gesprochen hatte: Menschen, die sich einsetzen sollten gegen die Angst, gegen die Einsamkeit, gegen Gottesferne und stattdessen für Glauben, für Liebe und für Hoffnung.
Und tatsächlich: Es gelang. Jesu Plan ging auf. Die Jünger gingen und predigten und sprachen: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Und damit steckten sie andere Menschen an, die ebenfalls losgingen und predigten und sprachen: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.
Und so geschah es: Der Glaube an Jesus vertrieb die Angst. Die Liebe unter den Glaubensgeschwistern vertrieb die Einsamkeit. Die Hoffnung auf das Himmelreich vertrieb den Kummer über die Welt. Und bald breitete sich die Botschaft vom Himmelreich nicht nur in Israel aus, sondern überschritt die Grenzen zwischen Sprachen, Völkern und Kulturen. Und all das, weil Menschen losgingen und sich in ihren Herzen immer wieder neu die Frage stellten: WWJD – was würde Jesus jetzt tun? Und wenn sie die Antwort fanden, dann handelten sie genau so.
V.
Das Unglaubliche, das sich damals sicher keiner der 12 Jünger hätte vorstellen können, ist, dass durch sie und durch ihre Berufung das Wort vom Himmelreich auch 2.000 Jahre später noch gepredigt wird. In einem kleinen Dorf, auf einer wunderschönen Kirchwiese, weit entfernt vom damaligen Galiläa.
Hier bei uns hören kleine und große Menschen heute den Auftrag Jesu: Geht und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Sie heißen nicht mehr Petrus, Philippus, Bartholomäus oder Judas. Sie heißen Brigitte, Harald, Rosemarie, Günther, Helene oder Dieter. Sie hören die Worte der Heiligen Schrift und nehmen sie sich zu Herzen. Sie leben nach den vier Buchstaben: WWJD – was würde Jesus tun? Sie beten für ihre kranken Angehörigen, sie bringen den Nachbarn mit zum Gottesdienst, sie erzählen ihren Enkeln die alten, schönen Geschichten der Bibel und sie spüren: Das Himmelreich ist ganz nahe herbeigekommen.
Nicht Bischöfe oder Päpste halten den Glauben lebendig. Nicht Superhelden, nicht Menschen mit Zauberkraft. Sondern Menschen wie Sie und ich. Wie wir. Menschen, die ihr Leben in den Spuren Jesu gehen – tagtäglich, treu und still.
Und so stehen auch wir heute in dieser langen Reihe von Menschen, die sich berufen wissen – nicht durch äußeren Glanz, sondern durch die innere Stimme, die fragt: Was würde Jesus tun?
Denn auch wir haben den Auftrag gehört: Geht und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.
Dieser Auftrag wurde uns im Religions- und im Konfirmandenunterricht mitgegeben und bei der Konfirmation in unser Herz gebrannt. Und liegt sie nun schon 40, 50, 60 oder mehr Jahre zurück – das Feuer des Glaubens brennt weiter. Es hat uns begleitet durch viele Stationen des Lebens. Manchmal stark, manchmal leise, aber immer da – als Erinnerung, als Kraftquelle, als Ruf.
So lasst uns nun weitergehen – auf neuen Wegen, die Gott uns weist. Lasst uns mutig Schritte wagen, denn wir wissen: Er selbst geht mit. Er selbst, unser großer Herr und Meister, der Ewige, der Allmächtige, der Barmherzige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.