Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Liebe Gemeinde,
wann ist eigentlich der richtige Zeitpunkt, um Gott zu danken? Für die einen ist es der heutige Tag: das Erntedankfest. Denn die Früchte der Felder und Gärten führen ihnen unmissverständlich vor Augen: Gott hat es auch in diesem Jahr wieder gut mit uns gemeint. Andere danken allabendlich vor dem Schlafengehen. Sie gehen den Tag noch einmal in Gedanken durch und danken Gott für alles, was ihnen an Gutem widerfahren ist. Und die nächsten danken Gott sofort – wenn ihnen etwas gelungen ist, wenn sie eine besondere Freude erfahren haben oder vor einem Unglück bewahrt geblieben sind.
Alle diese Zeitpunkte sind gut. Sie schließen sich auch nicht aus, sondern können sich sogar ergänzen: Denn ich kann Gott sofort danken und noch einmal am Abend und dazu mit vielen anderen zusammen im Erntedankgottesdienst. Danken kann man nie zu viel. Danken ist immer gut. Und vor allem: Danken tut immer gut. Besonders mir selbst tut das Danken gut. Denn das Danken schützt mich. Es schützt mich vor unguten Gedanken und Gefühlen, die mich innerlich mürbe machen und meinen Umgang mit anderen Menschen negativ beeinflussen. Das Danken schützt mich vor Neid und Eifersucht, vor Bitterkeit und Unzufriedenheit, vor Ärger und Wut. Denn im Danken sehe ich auf das, was ich habe – und nicht wie beim Neid, bei der Eifersucht, bei der Bitterkeit und der Unzufriedenheit nur auf das, was ich nicht habe. Was mir zwar nicht, einem anderen aber umso reichlicher gegeben ist. Und: Im Danken erkenne ich das Gute in den Menschen und in den Dingen – und nicht wie beim Ärger oder bei der Wut nur das Schlechte.
Danken tut gut. Danken ist gut – egal, zu welchem Zeitpunkt: ob sofort, am Abend oder im Erntedankgottesdienst. Heute möchte ich noch einen weiteren Zeitpunkt ergänzen, nämlich: „gerade jetzt!“. „Gerade jetzt!“ will ich Gott danken. Entweder, weil es in meinem Leben „gerade jetzt!“ viel Grund zum Danken gibt: Weil ich gesund bin – und meine Lieben auch. Weil es im Beruf gut läuft. Weil ich alles habe, was ich zum Leben brauche – und eigentlich noch viel mehr. Oder ich will Gott „gerade jetzt!“ danken, obwohl es in meinem Leben zurzeit nur wenig Grund zum Danken gibt: Obwohl vieles nicht mehr so geht wie früher. Obwohl Missverständnisse und Streit das Zusammenleben in der Familie, am Arbeitsplatz oder in der Schule belasten. Obwohl es einsam geworden ist in den eigenen vier Wänden. Obwohl die Arbeit oder ganz allgemein die Anforderungen und Herausforderungen des Lebens mir über den Kopf zu wachsen drohen. Dennoch will ich Gott danken – „gerade jetzt!“. Weil ER da ist. Weil ER um meine Sorgen und Nöte weiß. Weil ER sie mit mir aushält. Weil ER mich durchhalten lässt. Weil ER mich in allem hält und trägt.
„Gerade jetzt!“ – das ist vielleicht nicht nur ein guter Zeitpunkt für das Danken. „Gerade jetzt!“ – das ist vielleicht auch ein guter Zeitpunkt für manch anderes in meinem Leben. Vielleicht gibt es „gerade jetzt!“ etwas für mich zu tun. Oder zu lassen. Oder zu entscheiden. Oder ganz neu anzupacken. Weil es einfach jetzt dran ist. Oder: Obwohl zurzeit alles dagegen spricht – oder zumindest vieles oder manches dagegen spricht. Denn wenn wirklich alles gegen etwas spricht, dann dürfte es ziemlich schwer sein, etwas „gerade jetzt!“ zu tun. Manchmal spricht einfach zu viel gegen etwas. Manchmal muss man noch abwarten. Die Kunst ist es dann jedoch, nicht zu lange zu warten. Die Kunst ist es dann, die Sache nicht so lange aufzuschieben, bis es für sie zu spät ist. Mit anderen Worten: Die Kunst ist es, den richtigen Augenblick zu erwischen. Aber das ist alles andere als leicht.
Schon die alten Griechen wussten, dass es mit dem richtigen Augenblick alles andere als leicht ist. Es gab in ihrer großen und bunten Götterwelt einen Gott mit Namen Kairos. Er war der Gott der günstigen Gelegenheit bzw. der Gott des richtigen Augenblicks. Auf Bildern wurde er mit einer sehr eigenwilligen Frisur dargestellt: Sein Hinterkopf war kahlgeschoren, sein Pony dagegen überlang. Er reichte bis weit unter das Kinn. Damit war klar: Wenn man überhaupt eine Chance haben will, den richtigen Augenblick zu erwischen, dann gelingt das nur von vorne. Dann gelingt das nur, wenn man ihm direkt gegenübersteht und beim überlangen Pony ergreift. Oder anders ausgedrückt: Dann gelingt das nur, wenn man „die Gelegenheit beim Schopfe packt“. Von hinten, am kahlgeschorenen Hinterkopf, im Nachhinein lässt sich der richtige Augenblick nicht ergreifen. Ist er erst einmal vorbeigegangen, bekommt man ihn nicht mehr zu fassen.
Aber woher weiß man, dass der richtige Augenblick „gerade jetzt!“ vor einem steht und man nur noch zugreifen muss? Woher weiß man, dass die Gelegenheit „gerade jetzt!“ günstig ist und es so schnell keine günstigere Gelegenheit mehr geben wird? Ich befürchte: Man weiß das überhaupt nicht. Man kann das überhaupt nicht wissen. Man kann es allenfalls spüren. Darauf weist zumindest unser Sprachgebrauch hin. Wir sagen ja von jemandem, der die Gunst der Stunde ergriffen hat: Er hat beherzt zugepackt. Das Herz scheint also mit im Spiel zu sein – vielleicht mehr als der Kopf.
Vermutlich kann man nicht wissen, wann der richtige Augenblick da ist. Vielleicht kann man es spüren. Auf jeden Fall aber kann man versuchen, es zu hören: im Gebet, im Gespräch mit Gott. Man kann die Frage nach dem richtigen Augenblick im Gebet vor Gott bringen und ihn bitten: „Gott, zeige du mir den richtigen Augenblick! Lass es mich im Herzen spüren, wenn er da ist! Mach mein Herz fest und gewiss, dass ich ihn ergreife!“ Und wenn man Gott so gebeten hat, dann muss man vermutlich erst einmal warten. Und schweigen. Man muss in sich hineinhören: Ob da nicht etwas ist, das einem das Herz fest und gewiss macht – eine Stimme, ein Gedanke, eine Erinnerung. Man muss auch die Augen aufhalten: Ob einem nicht etwas begegnet, das einem das Herz fest und gewiss macht – ein Wort aus der Bibel oder ein Wort, das ein anderer Mensch zu einem sagt und das mit einem Mal alles klar macht.
Ob wir auf unser Gebet hin etwas hören oder nicht, bleibt für uns letztlich unverfügbar. Wir können es nicht „machen“. Leider. Aber wir können trotzdem etwas tun: Wir können uns bereithalten zu hören. Wir können „auf Empfang“ sein. Denn auch das Warten auf den richtigen Augenblick will gelernt bzw. gekonnt sein. Es muss ein aktives Warten sein. Es muss ein hörendes Warten sein. Es muss ein in sich selbst hineinspürendes Warten sein. Wer nur passiv vor uns hin dümpelt, wird vermutlich keinen für ihn richtigen Augenblick erwischen.
Ich wünsche uns allen eine „gute Antenne“ für die richtigen Augenblicke in unserem Leben. Dass wir sie erkennen und dann beherzt ergreifen. Vermutlich wird uns das nicht immer gelingen. Manch richtigen Augenblick haben wir vielleicht auch schon ungehört verstreichen lassen. Dann gilt es, sich damit zu versöhnen. Alles andere bringt ja nichts. Denn wie gesagt: Sind die richtigen Augenblicke erst einmal vorübergegangen, bekommt man sie in der Regel nicht mehr zu fassen. Man kann sie dann nur ziehen lassen. Man muss sie sogar ziehen lassen. Denn sonst machen uns die ungehört verstrichenen richtigen Augenblicke taub – taub für die anderen richtigen Augenblicke, die das Leben noch für uns bereithält. Und die gibt es bestimmt. Denn nicht nur für die großen Situationen und Entscheidungen des Lebens gibt es einen richtigen Augenblick, sondern auch für die vermeintlichen Kleinigkeiten: für einen Besuch oder ein Telefonat, für ein Gespräch mit den Kindern oder den Eltern, für eine Versöhnung oder für ein Dankeschön. Womit wir wieder beim Danken wären. Für das Danken müssen wir – Gott sei Dank – nie auf den richtigen Augenblick warten. Denn der richtige Augenblick zum Danken ist immer da – auch „gerade jetzt!“. Greifen Sie also beherzt zu!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.