Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, der für uns Mensch geworden ist, sei mit euch allen. Amen.
Der Predigttext für die Heilige Nacht ist der Beginn des Briefes, den der Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom geschrieben hat:
1 Paulus, ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel zu predigen das Evangelium Gottes,
2 das er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der Heiligen Schrift,
3 von seinem Sohn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch,
4 der eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft nach dem Geist.
5 Durch ihn haben wir empfangen Gnade und Apostelamt, den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden,
6 zu denen auch ihr gehört, die ihr berufen seid von Jesus Christus.
7 An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Rom: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!
Herr, öffne unsere Herzen, dass wir dein Wort verstehen und aus ihm leben lernen. Amen.
Liebe Gemeinde der Heiligen Nacht,
können Sie sich noch an jene kleinen Zettel aus Ihrer Schulzeit erinnern, die man in der Pause zugesteckt bekam und auf denen zu lesen war: „Willst du mit mir gehen? Kreuze an: Ja. Nein. Vielleicht.“ Vielleicht haben Sie solche Zettel auch selbst geschrieben und der von Ihnen verehrten Schülerin bzw. dem von Ihnen verehrten Schüler zugesteckt. Worüber wir heute schmunzeln, war damals der vielleicht nicht besonders geschickte, der vielleicht auch nicht immer erfolgreiche, aber der aufrichtige, manchmal sogar verzweifelte Versuch, mit einem Menschen, der einem viel bedeutete, in Beziehung zu treten. Ihm nahe zu kommen.
Nichts anderes ist der heutige Predigttext. Er ist der Versuch des Apostels Paulus, mit Menschen, die ihm am Herzen liegen, in Beziehung zu treten. Ihnen nahe zu kommen. Die Christinnen und Christen in Rom kannte Paulus bislang nur vom Hörensagen. Nun schreibt er Ihnen einen Brief und legt darin seine gesamte Theologie dar. Alles, was er glaubt. Alles, worauf er vertraut. Alles, was ihn selber hält und trägt – im Leben und im Sterben. Ob er mit seinem Brief erfolgreich war? Schon nach den ersten, eben gehörten Versen mag man daran zweifeln und sich fragen, ob die Christinnen und Christen in Rom danach überhaupt noch weitergelesen haben. Doch gerade diese fremd und formelhaft klingenden Wendungen am Beginn seines Briefes ließen die Menschen damals aufhorchen. Denn sie waren ihnen aus ihren Gottesdiensten vertraut. Durch sie wussten sie: Paulus und wir meinen dasselbe. Paulus und wir glauben dasselbe. Wir glauben an denselben. Paulus erweist sich in seiner Kontaktaufnahme als gar nicht so ungeschickt, wie es auf den ersten Blick erscheint.
Nichts anderes ist übrigens auch Weihnachten. Weihnachten ist der Versuch Gottes, mit uns Menschen, die ihm am Herzen liegen, mit uns Menschen, die ihm unendlich viel bedeuten, mit uns Menschen, die er liebt, in Beziehung zu treten. Uns nahe zu kommen. Indem er einer von uns, indem er Mensch wird – noch dazu ein ganz kleiner Mensch, ein neugeborenes Kind. Man mag sich wie bei Paulus fragen, ob diese Art der Kontaktaufnahme besonders geschickt gewesen ist. Denn wir Menschen sehnen uns eher nach Größe als nach Kleinheit. Wir sehnen uns eher nach Macht als nach Angewiesenheit. Wir sehnen uns eher nach Reichtum als nach Armut. Vielleicht hätte Gott doch irgendwie anders mit uns Menschen in Beziehung treten sollen – irgendwie größer, irgendwie mächtiger und prächtiger, kurz gesagt: irgendwie beeindruckender. Und vielleicht hätte er auch irgendwie eindeutiger mit uns in Beziehung treten sollen – so, dass keine Fragen mehr offen bleiben. So, dass es keine Zweifel mehr gibt. So, dass alles klar ist.
Gott hätte das gekonnt. Aber es war für ihn das Wichtigste, uns nahe zu kommen. Uns ganz nahe zu kommen. Und was schafft so viel Nähe wie ein neugeborenes Kind? Was schafft so viel Vertrautheit wie ein neugeborenes Kind? Was verbindet so stark wie ein neugeborenes Kind? Es war für Gott das Wichtigste, uns nahe zu kommen. Uns ganz nahe zu kommen. Dafür hat er es in Kauf genommen, dass er als Kind in der Krippe von den Menschen nicht nur angelächelt, sondern auch belächelt wird. Dafür hat er es in Kauf genommen, nicht mit einem Schlag alle Fragen und Zweifel aus der Welt geräumt zu haben. Dafür hat er es in Kauf genommen, dass andere kommen und sich als Herren, bisweilen sogar als Gott aufspielen. Es war für ihn eben das Wichtigste, uns nahe zu kommen. Uns ganz nahe zu kommen. Daher musste er auch selbst kommen. Er konnte niemand anderen schicken. Er konnte niemand anderen damit beauftragen, mit uns in Beziehung zu treten. Er musste selber kommen. Er musste Mensch werden.
Ob Gott erfolgreich war mit seinem Versuch, mit uns Menschen in Beziehung zu treten? Uns nahe zu kommen? Man möchte zumindest meinen: Er ist immer weniger erfolgreich damit. Zumindest hier bei uns in Deutschland. Unsere Kirchen und Gottesdienste werden leerer – selbst an Weihnachten. Dafür mag es viele Gründe geben. Aber einer davon ist sicherlich der, dass auf das Nahekommen ein Nahebleiben folgen muss. Und das stellt bisweilen eine noch größere Herausforderung dar. Um einem anderen nahe zu kommen, braucht es bisweilen Überwindung. Es kostet Überwindung, dem anderen das Zettelchen mit der Aufschrift „Willst du mit mir gehen?“ zuzustecken oder ihm auf andere Weise seine Liebe zu gestehen. Doch um dem anderen nahe zu bleiben, ist oftmals harte Arbeit nötig – harte Arbeit von beiden Seiten.
Um dem anderen nahe zu bleiben, ist oftmals harte Arbeit nötig. Das wissen wir aus unseren menschlichen Beziehungen nur zu gut – aus der Beziehung zum Ehemann oder zur Ehefrau, aus der Beziehung zum Partner oder zur Partnerin. Man muss oft hart daran arbeiten, dass die Nähe bleibt – wenn die erste Verliebtheit vorüber ist. Wenn die rosarote Brille abgenommen ist und auch die weniger liebenswerten Eigenschaften des anderen zum Vorschein kommen. Wenn sich unterschiedliche Vorstellungen auftun – vom Leben und von der Zukunft. Wenn das Leben und die Zukunft anders werden, als gedacht und geplant. Wenn sich der andere verändert – durch den Verlust seiner Arbeit, durch eine Krankheit, durch das Alter. Man muss oft hart daran arbeiten, dass die Nähe bleibt. Das wissen wir auch aus der Beziehung zu unseren Kindern, in der sich die Rahmenbedingungen ständig verändern. Zuerst sind die Kinder keine Kinder mehr. Dann bekommen sie selbst Kinder, gründen ihre eigene Familie. Und schließlich kehren sich die Verhältnisse ganz um: aus denen, die es einmal zu versorgen galt und die auf einen angewiesen waren, werden solche, die einen selbst versorgen, auf die man selbst zunehmend angewiesen ist.
Man muss oft hart daran arbeiten, dass die Nähe bleibt. Man muss dranbleiben am anderen. Man muss immer wieder auf ihn zugehen. Immer wieder das Gespräch mit ihm suchen. Sich immer wieder bemühen, ihn und seine Situation, ihn und seine Reaktion zu verstehen. Und sich immer wieder daran erinnern, was gut war und was verbindet, was auch durch die schlechten Zeiten hindurch tragen könnte.
Das Nahebleiben ist manchmal auch in unserer Beziehung zu Gott harte Arbeit. Dann nämlich, wenn die Fragen und die Zweifel kommen – angesichts unerhörter Gebete und unerfüllten Wünsche. Angesichts von Leid und Elend, von Krankheit und Tod. Angesichts von Unrecht und Ungerechtigkeit, von Krieg und Gewalt. Im Kleinen wie im Großen. Auch da heißt es, dranzubleiben – an Gott dranzubleiben. Immer wieder auf ihn zuzugehen – durch den Besuch eines Gottesdienstes oder in der Feier des Abendmahls. Immer wieder das Gespräch mit ihm zu suchen – im Gebet. Sich immer wieder zu bemühen zu verstehen, was er einem sagen will – in seinem Wort, der Bibel, durch Begebenheiten mitten im Alltag. Und nicht zuletzt: Sich daran zu erinnern, was gut war. Wo er geholfen und hindurch getragen hat. Gott und sich selbst immer wieder zu sagen: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“
Und wenn das Dranbleiben nicht klappt? Wenn einfach keine Verbindung mehr da ist? Wenn Gott unendlich weit weg erscheint? Gott sei Dank ist „alle Jahre wieder“ Weihnachten. Gott sei Dank unternimmt Gott „alle Jahre wieder“ den Versuch, mit uns Menschen in Beziehung zu treten. Uns nahe, uns wieder nahe zu kommen. Und vielleicht schließt sich gerade an diesem Weihnachtsfest die Lücke. Vielleicht springt gerade an diesem Weihnachtsfest der Funke über. Vielleicht beginnt gerade an diesem Weihnachtsfest etwas zu wachsen. Und vielleicht machen wir es gerade an diesem Weihnachtsfest wie Gott und unternehmen selbst den Versuch, mit einem Menschen in Beziehung zu treten. Ihm nahe zu kommen, ihm wieder nahe zu kommen. Vielleicht braucht es nur noch diesen einen Anlauf. Vielleicht braucht es nur noch ein kleines Zettelchen - wie damals in der Schule.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.