Predigt am Pfingstsonntag 2024 (Versöhnungskirche)

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. 

Liebe Gemeinde, 

der Weg der heutigen Predigt ist weit. Denn schon der Predigttext braucht ein bisschen Vorlauf. Und vom Predigttext bis zu Pfingsten ist es auch noch ein Stückchen. Aber ich verspreche Ihnen: Wir kommen bei Pfingsten an. Ich bitte Sie nur um ein wenig Geduld. Zunächst muss ich Sie in die Welt der Fantasy-Literatur entführen. Vielleicht sagt Ihnen die Serie „Game of Thrones“ etwas – zu Deutsch: das „Spiel der Throne“. Sie geht auf die Fantasy-Saga „Das Lied von Eis und Feuer“ des amerikanischen Schriftstellers George R. R. Martin zurück. Die Serie spielt in einer fiktiven mittelalterlich angehauchten Welt, in der eine Handvoll adeliger Familien um die Herrschaft kämpft. Es geht um Liebe und Verrat, Macht und Intrigen, Aufstieg und Fall. Es gibt Drachen und Burgen, schöne Frauen und tapfere Männer, auch schöne Männer und tapfere Frauen, gewaltige Schlachten und einen dramatischen Kampf zwischen Gut und Böse. 

Lange Zeit kämpfen die adeligen Familien von Westeros – so heißt diese fiktive Welt – gegeneinander. Bis sie erkennen, dass sie einen gemeinsamen Feind haben, der sie alle zu vernichten droht und dem sie nur im Miteinander wehren können – wenn überhaupt. Dabei handelt es sich um den sogenannten Nachtkönig. Er befehligt eine Armee von Untoten, die unaufhörlich größer wird. Denn nach jeder Schlacht macht der Nachtkönig so: BEIDE ARME LANGSAM NACH OBEN FÜHREN. Daraufhin erheben sich die in der Schlacht Gefallenen. Doch sie sind nicht wieder lebendig. Sie sind Untote – ihrer Seelen beraubte, willenlose Wesen – und kämpfen fortan in der Armee des Nachtkönigs.

Die Filmszenen, in denen der Nachtkönig an den Rändern der Schlachtfelder steht und die Getöteten mit einer einzigen Handbewegung aufstehen lässt, sind schon sehr beeindruckend. Aber die Idee dazu ist eindeutig geklaut. Sie ist abgeguckt. Und zwar aus der Bibel. Und das biblische Original ist besser. Viel besser. Dazu muss ich Sie noch einmal entführen, und zwar in eine Vision des Propheten Hesekiel. Sie ist der heutige Predigttext und steht im 37. Kapitel des Hesekielbuches. Sie ist – zugegebenermaßen – ein bisschen gruselig. Der Prophet Hesekiel schreibt:

1 Des HERRN Hand kam über mich, und er führte mich hinaus im Geist des HERRN und stellte mich mitten auf ein weites Feld; das lag voller Totengebeine.

2 Und er führte mich überall hindurch. Und siehe, es lagen sehr viele Gebeine über das Feld hin, und siehe, sie waren ganz verdorrt.

3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: HERR, mein Gott, du weißt es.

4 Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret des HERRN Wort!

5 So spricht Gott der HERR zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet.

6 Ich will euch Sehnen geben und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe euch mit Haut und will euch Odem geben, dass ihr wieder lebendig werdet; und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin.

7 Und ich weissagte, wie mir befohlen war. Und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und siehe, es regte sich und die Gebeine rückten zusammen, Gebein zu Gebein.

8 Und ich sah, und siehe, es wuchsen Sehnen und Fleisch darauf und sie wurden mit Haut überzogen; es war aber noch kein Odem in ihnen.

9 Und er sprach zu mir: Weissage zum Odem; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Odem: So spricht Gott der HERR: Odem, komm herzu von den vier Winden und blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden!

10 Und ich weissagte, wie er mir befohlen hatte. Da kam der Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig und stellten sich auf ihre Füße, ein überaus großes Heer.

Die Ähnlichkeit zwischen der Serie „Game of Thrones“ und der Vision aus dem Hesekielbuch ist nicht zu übersehen. Hier ein Totenfeld, dort ein Totenfeld. Hier ein Wort Gottes, dort eine Handbewegung des Nachtkönigs. Und hier wie dort stehen die Toten anschließend wieder auf ihren Beinen. Aber auch die Unterschiede zwischen der Serie und dem Bibeltext sind nicht zu übersehen. Hier stehen Lebendige auf ihren Beinen, dort Untote. Hier befiehlt Gott, dort der Nachtkönig – ein Mensch mit besonderen Fähigkeiten zwar, aber eben nur ein Mensch. Und als solcher kann er aus Toten keine Lebendigen machen, sondern nur Wesen, die noch toter sind als tot, nämlich untot. Das ist der Unterschied. Wie gesagt: Das biblische Original ist besser. Viel besser. Denn in der Vision des Hesekiel ist Gott am Werk mit seiner lebensschaffenden Kraft. 

Eigentlich würde man einen solchen Predigttext eher am Ostersonntag erwarten – an dem Tag, an dem wir die Auferstehung Jesu Christi von den Toten feiern, den Sieg des Lebens über den Tod. Der Predigttext ist daher oft im Rahmen der Osternacht zu hören. Doch er ist auch ausdrücklich mit dem Pfingstfest verbunden. Und das hat einen guten Grund: Gott gibt sowohl in der Vision des Hesekiel als auch an Pfingsten seinen Geist. In der Vision des Hesekiel steht nämlich überall da, wo es um den „Odem“ geht, das hebräische Wort „Ruach“. Und dieses hebräische Wort „Ruach“ bedeutet sowohl „Odem“, „Atem“ als auch „Geist“, „Geist Gottes“. Gott bläst in der Vision des Hesekiel die Toten mit seinem Odem an. Er haucht ihnen wieder Atem ein, Lebensatem. Er bläst sie an und sagt zu ihnen: „Atmet! Atmet und lebt!“ „Und sie wurden wieder lebendig“, schreibt Hesekiel. Lebendig sein bedeutet zu atmen. Die Untoten aus der Serie „Game of Thrones“ sind nicht lebendig, denn sie atmen nicht. Sie erheben sich zwar und stehen wieder auf zwei Beinen, sie bewegen sich sogar fort, aber sie sind nicht lebendig. Sie atmen nicht. 

Lebendig sein bedeutet zu atmen. Das wird schon auf den ersten Seiten der Bibel festgehalten – bei der Erschaffung des Menschen. Gott erschafft den Menschen aus dem Staub der Erde und dann bläst er ihm den „Odem des Lebens“ in die Nase. Gott haucht dem Menschen Atem ein und sagt zu ihm: „Nun atme selbst! Atme und lebe!“ „Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“ Das Gleiche hat Gott an Pfingsten mit den Jüngern gemacht. Er gibt ihnen seinen Geist. Er bläst sie an mit seinem Odem, mit seinem Lebensatem. Er belebt sie wieder. Denn den Jüngern stockte nach der Himmelfahrt Jesu noch immer der Atem. Es war nicht nur eng in dem kleinen Raum, in dem sie sich immer zu versammeln pflegten, sondern es war auch eng in ihrer Brust. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Doch dann bläst Gott sie mit seinem Geist an, mit seinem Lebensodem und sagt zu ihnen: „Atmet wieder! Atmet und lebt! Und geht hinaus zu den Menschen!“ Und die Jünger wurden wieder lebendig. Ihre Starre löst sich. Sie atmen ein paar Mal tief ein und aus, gehen auf die Straßen und verkünden den Menschen die frohe Botschaft von Jesus Christus. 

Gott ist uns mit seinem Geist ganz nah. So heißt es oft in Gebeten und Liedern und in Predigten – nicht nur an Pfingsten. Das ist keine Floskel, sondern ganz wörtlich gemeint. Gott ist uns mit seinem Odem, mit seinem Lebensatem ganz nah. Er hat uns einst – am Anfang unseres ganz persönlichen Lebens – damit angehaucht und unseren eigenen Atem entfacht. Er hat einst zu jedem von uns gesagt: „Atme! Atme und lebe!“ Und so wurden wir lebendig. Und Gott sagt noch immer durch seinen Geist zu uns: „Vergiss das Atmen nicht! Denn du lebst! Gerade dann, wenn dir der Atem stocken will, weil dich das Leben erschrocken hat, gerade dann, wenn die Angst alles in dir eng zu machen droht, dann vergiss das Atmen nicht! Atme und lebe!“ 

Drei bis vier tiefe Atemzüge genügen und ich spüre: „Ich bin lebendig! Ich habe Anteil an Gottes Lebensodem.“ Drei bis vier tiefe Atemzüge genügen und ich spüre auch: „Ich bin nicht allein! Denn Gott ist da. Durch seinen Geist. Durch seinen Lebensodem, der in mir ist.“ Solange ich atme, ist Gott niemals fern von mir. 

Und wenn ich meinen letzten Atemzug getan habe? Wenn ich mein Leben ausgehaucht habe? Der Prophet Hesekiel schreibt: „So spricht Gott der HERR: Odem, komm herzu von den vier Winden und blase diese Toten an, dass sie wieder lebendig werden! Da kam der Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig.“ Wenn ich mein Leben hier ausgehaucht habe, wenn ich meinen letzten Atemzug auf dieser Erde getan habe, dann mache ich meinen ersten in Gottes Ewigkeit. Dann haucht mich Gott aufs Neue mit seinem Lebensodem an und sagt zu mir: „Atme wieder! Ate und lebe! Hier bei mir!“ 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.