I
Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
sind Sie ein „Aufheber“ oder ein „Wegschmeißer“? Sammeln Sie ihre Schätze um sich herum und bewahren Ihre Kostbarkeiten und Erinnerungsstücke - oder sind Sie eher so wie ich: Schnell im Wegwerfen. Ich mag es nicht, wenn ich zu viel Zeug habe.
In unserem heutigen Bibeltext begegnen wir beidem: Einem „Wegschmeißer“ und einem „Aufheber“. Doch wer von ihnen kann sich durchsetzen?
In Lukas 13 lesen wir:
6 Jesus sagte ihnen dies Gleichnis: Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg, und er kam und suchte Frucht darauf und fand keine.
7 Da sprach der Weinbergbesitzer zu dem Weingärtner: Siehe, drei Jahre komme ich und suche Frucht an diesem Feigenbaum und finde keine. So hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft?
8 Der Weingärtner aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn herum grabe und ihn dünge;
9 vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab.
Der Weinbergbesitzer ist mir sehr sympathisch. Er handelt nach der Kosten-Nutzen-Rechnung. Er hat investiert, gepflanzt, eine angemessene Zeit gewartet. Aber jetzt lohnt es sich nicht mehr. Der Baum bringt einfach keinen Ertrag. Im Gegenteil: er laugt den Boden aus, er schadet den anderen Pflanzen. Was nichts bringt, muss weg.
Aber dann ist da noch der Weingärtner und der gibt die Hoffnung auf die süßen Früchte nicht auf. Die werden schon kommen! Gib ihm noch ein Jahr. Ich kümmere mich. Ich werde noch einmal umgraben und nochmal düngen. Umhauen können wir ihn immer noch.
II
„Die Hoffnungstöne höher regeln“ – das ist die Botschaft des diesjährigen Plakats zum Weltgebetstag. Sie haben vor dem Gottesdienst ein Lesezeichen bekommen. Darauf zu sehen ist ein Mischpult, besser gesagt: ein Schieberegler auf einem Mischpult. Am Mischpult werden bei einem Konzert die eingehenden Tonsignale verarbeitet. Der Mensch am Mischpult hat viel zu tun: er gleicht die Frequenzen an, nimmt überflüssige oder unerwünschte Höhen und Tiefen weg. Menschliche Stimmen klingen dann angenehmer. Bässe wummern angenehm tief. Lautes wird leiser, Leises wird lauter, bis der perfekte Klang entsteht.
Hinter dem Motto des diesjährigen Buß- und Bettags steht die Vision von einer Welt, in der die dunklen, traurigen, tiefen – aber auch die verwirrenden, die schreienden, die unangenehmen Töne leiser oder sogar lautlos gestellt werden. Und dafür die hoffnungsvollen, die freundlichen, die liebenden Töne aufgedreht werden. Die Vision von einer Welt im „neuen Sound“. Der Buß- und Bettag ist genau der Tag dafür, sich ans Mischpult zu setzen und den Klang unserer Herzen neu einzustellen. Dass wir die vielen Worte des Fernsehers, des Radios, der Zeitung, der sozialen Medien mal abdrehen. Und stattdessen lauschen, was Gott uns sagen will. Und wo seine Stimme in dieser Welt schon erklingt.
III
Auch im Gleichnis vom Weinbergbesitzer und Weingärtner gibt es jemanden, den wir noch nicht gehört haben. Der Weinbergbesitzer fordert laut „Hau ihn um, den brauchen wir nicht mehr!“ Und der Weingärtner entgegnet laut „Nein, ich will ihn noch behalten!“ Und wir finden uns in der einen oder in der anderen Position wieder, je nachdem, ob wir eher ein „Aufheber“ oder ein „Wegschmeißer“ sind.
Aber was, wenn wir an unserem Mischpult beide lauten Stimmen herunterregeln und in Gott den Weinbergbesitzer und in Jesus den Weingärtner finden? Dann werden wir zum Feigenbaum, den Gott in seinen Weinberg gepflanzt hat. Wir haben keine Frucht getragen, nicht nach Gottes Willen gelebt, nicht seinen Auftrag erfüllt. Doch Jesus tritt für uns ein. Schaut uns liebevoll an, düngt uns mit seinem Wort und seinen Weisungen und gibt uns eine neue Chance zum Leben. Und wir atmen auf. Fangen neu an. Und werden süße Früchte bringen.
Unsere Hoffnung liegt auf dem Weingärtner, auf Christus. Er ist der Anfang, er ist das Ende, er ist das A und das O. Er ist derselbe heute und morgen und in alle Ewigkeit.
Amen.