Predigt am 9. Juni 2024

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I

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.

Liebe Schwestern und Brüder,

mit diesen Worten eröffnet der Apostel Paulus seinen neusten Brief. Er sitzt in einem kleinen Raum, vor sich die Schreibunterlagen. Es wird Zeit, sich wieder mal bei seiner Gemeinde in Ephesus zu melden. An seine Zeit in Ephesus erinnert er sich gerne zurück. Zweimal war er in der blühenden Handelsmetropole schon gewesen. Einmal nur wenige Wochen, da war er auf der Durchreise nach Jerusalem gewesen. Beim zweiten Besuch, ein Jahr später, war er länger geblieben. Das geschäftige Treiben in dieser Stadt, die Lebensfreude der Menschen, die Vielfalt der Kulturen – all das hatte ihn in ihren Bann gezogen. Drei Jahre war er schließlich dort geblieben, hatte viel gearbeitet, mit vielen Menschen Kontakte geknüpft, gepredigt, gelehrt. Sogar an den gewaltigen Tempel für die römische Göttin Artemis dachte er jetzt schmunzelnd zurück: ein tolles Bauwerk, aber diese Römer mit ihren seltsamen Göttern… Die spinnen, die Römer… Er seufzte und merkte wieder einmal: Es gab noch viel zu tun für ihn.

Aber heute waren erst einmal die Epheser dran. 

II

Ein zentrales Thema, das die Gemeinde in Ephesus schwer beschäftigte, war immer wieder die Frage, ob man nur als Jude an Jesus Christus glauben darf und damit vollwertiger Christ wird – oder ob das auch Angehörige anderer Religionen sein können. Heiden also, im paulinischen Verständnis. Wer nicht Jude war und damit zum auserwählten Volk Gottes gehörte, war Heide. Paulus selbst war in einer sehr frommen jüdischen Familie aufgewachsen und war von klein auf von seinen Eltern und seinen Lehrern gewarnt worden: Hüte dich vor den Heiden. Die einzigen, denen du im Leben vertrauen kannst, sind Juden, so wie du. Du gehörst zum auserwählten Volk Gottes. Du bist etwas Besonderes. Gott hat dich auserwählt.

Paulus setzte den Stift ab, der nun schon die erste Blattseite gefüllt hatte, und seufzte. Diese Zeiten waren lange vorbei. So viel war geschehen, so vieles hatte sich verändert.

So stolz war er gewesen, Jude zu sein. Die Thora hatte er rauf und runter studiert, wieder und wieder gelesen, sich die vielen Gebote und Vorschriften nächtelang eingeprägt und sie auswendig gelernt. Keins wollte er vergessen, nichts wollte er falsch machen. Gott sollte so stolz auf ihn sein, wie er stolz war, zu Gott zu gehören.

Hätte ihm damals jemand gesagt, dass er die Speisevorschriften nicht bis zu seinem Lebensende einhalten würde – er hätte ihn ausgelacht. Schließlich war er seit seiner Geburt jüdisch, da seine Mutter Jüdin war. Am 8. Tag seines Lebens war er feierlich beschnitten worden – dies markierte den Eintritt in die jüdische Gemeinschaft. Ganz so, wie Gott es Abraham vor Urzeiten gesagt hatte:

Das aber ist mein Bund, den ihr halten sollt zwischen mir und euch und deinen Nachkommen: Alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden; eure Vorhaut sollt ihr beschneiden. Das soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und euch. Jeden Knaben, wenn er acht Tage alt ist, sollt ihr beschneiden bei euren Nachkommen. (1Mose 17, 10-12)

Und am Tag seiner Beschneidung hatte er auch seinen Namen bekommen: Saulus - jedenfalls seinen ersten Namen. Nach seiner Bekehrung und Taufe hatte er einen anderen angenommen: Paulus. Denn sein erstes Leben war im Wasser der Taufe mit ihm gestorben und sein neues Leben hatte begonnen.

III

Kopfschüttelnd wandte sich Paulus wieder seinem Brief an die Epheser zu. Wo war er stehengeblieben… Er las die letzten Sätze noch einmal:

10 …wir sind Gottes Schöpfung. Er hat uns in Christus Jesus neu geschaffen, damit wir die guten Taten ausführen, die er für unser Leben vorbereitet hat.

Dies war seine Überleitung gewesen zu dem nächsten Abschnitt, über den er lange nachgedacht hatte. Als er damals in Ephesus angekommen war, hatte er schnell gemerkt, dass hier fast keine Juden lebten. Doch das hielt ihn heute nicht mehr davon ab, das Evangelium zu verkünden und das Reich Gottes zu predigen. An Pfingsten hatten die Jünger die Offenbarung von Gott empfangen, dass die Botschaft Jesu Christi für alle Menschen gilt – nicht nur für Juden.

„Gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ (Mt 28,19-20) Das hatte Jesus gesagt und das nahmen sie jetzt ernst. Sie lehrten ALLE Völker. Sie tauften jeden, der sich zu Jesus bekannte.

Und dennoch war es für die Heidenchristen anders. Sie hatten es schwieriger als die Judenchristen. Sie kamen aus einem anderen religiösen Kontext. Sie kannten die Vorstellung von nur einem Gott, der für alles verantwortlich ist, nicht. Sie kannten die Prophezeiungen nicht und mussten ja so viel lernen.

Und in Ephesus eben bestand die Gemeinde bis auf wenige aus Heidenchristen. Das machte seine Kontakte zur dortigen Gemeinde so faszinierend, aber eben auch herausfordernd.

IV

Paulus nahm sein Glas Wasser, trank einen Schluck und machte sich erneut ans Werk. Er schrieb (Eph 2):

11 Vergesst nicht, dass ihr, die ihr keine Juden seid, aufgrund eurer Herkunft Außenstehende wart. »Unbeschnittene« nannten euch die Juden, die das äußere Zeichen der Beschneidung tragen.

12 Damals lebtet ihr getrennt von Christus. Ihr wart vom Volk Gottes ausgeschlossen und wusstet nichts von den Zusagen, die er ihm gegeben hatte. Euer Leben in dieser Welt war ohne Gott und ohne Hoffnung.

13 Aber nun gehört ihr Christus Jesus. Ihr wart fern von Gott, doch nun seid ihr ihm nahe durch das Blut seines Sohnes.

14 Denn Christus selbst brachte Frieden zwischen den Juden und den Menschen aus allen anderen Völkern, indem er uns zu einem einzigen Volk vereinte. Er hat die Mauer der Feindschaft, die uns früher trennte, niedergerissen. Durch seinen Tod

15 hat er dem Gesetz mit seinen Geboten und Verordnungen ein Ende bereitet und dadurch Frieden gestiftet, indem er beide in sich zu einem einzigen neuen Menschen schuf.

16 Er hat sie in einem Leib vereint und durch das Kreuz mit Gott versöhnt, sodass die Feindschaft ein Ende fand.

17 Er ist gekommen und brachte die Botschaft des Friedens euch, die ihr fern von ihm wart, und den Juden, die ihm nahe waren.

18 Durch das, was Christus für uns getan hat, können wir jetzt alle, ob wir Juden sind oder nicht, in einem Geist zum Vater kommen.

19 Deshalb seid ihr nicht länger Fremde und ohne Bürgerrecht, sondern ihr gehört zu den Gläubigen, zu Gottes Familie.

V

Paulus legte den Stift beiseite und las seinen Abschnitt noch einmal durch. Er nickte anerkennend und fand, dass ihm diese Zeilen wirklich gut gelungen waren. Am Kreuz Jesu versöhnte sich Gott mit den Menschen, aber das Kreuz hat noch mehr bewirkt. Es hat die Trennung, die Feindschaft zwischen den Juden und den Heiden aufgehoben. Heute spielte es keine Rolle mehr, aus welcher Familie man stammt oder ob man beschnitten ist oder nicht. Es zählt nur noch allein der Glaube an Jesus Christus.

Schmunzelnd dachte Paulus, dass das, was seine Eltern und Lehrer ihm damals wieder und wieder eingebläut hatten, tatsächlich immer noch galt. Er gehörte jetzt immer noch zum auserwählten Volk Gottes. Er war immer noch etwas Besonderes. Gott hatte ihn tatsächlich auserwählt.

Aber das Schöne war, dass er Gott jetzt nicht mehr stolz machen musste, in dem er sich an die Gesetze und Vorschriften der Thora hielt und ein vorbildliches Leben führte. Heute wusste er, dass sein Gott ein gnädiger Gott ist, der die Welt so sehr liebte, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. (Joh 3, 16-17)

Allein die Gnade, allein der Glaube, allein Jesus Christus. Dankend blickte Paulus empor und sprach ein kurzes Gebet. Er dankte Gott für das Geschenk dieser Erkenntnis, dieses Glaubens. Dann griff er wieder zu seinem Stift und schrieb zu seinen Brüdern und Schwestern in Ephesus, die durch ihn zum Glauben an diesen einen Herrn gekommen waren:

20 Wir sind sein Haus, das auf dem Fundament der Apostel und Propheten erbaut ist mit Christus Jesus selbst als Eckstein.

21 Dieser Eckstein fügt den ganzen Bau zu einem heiligen Tempel für den Herrn zusammen.

22 Durch Christus, den Eckstein, werdet auch ihr eingefügt und zu einer Wohnung, in der Gott durch seinen Geist lebt.

Amen.