Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sie mit euch allen. Amen.
Liebe Gemeinde,
manchmal bin ich enttäuscht. Und ich vermute, Ihnen geht es bisweilen ebenso. Manchmal bin ich von Menschen enttäuscht – von dem, was sie sagen oder tun. Wenn jemand sein Versprechen nicht hält oder die Unwahrheit erzählt oder mich versetzt. Manchmal bin ich von Ereignissen enttäuscht, z.B. vom Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Manchmal bin ich auch von mir selbst enttäuscht. Wenn mir etwas nicht gelingt. Oder wenn ich es nicht schaffe, so zu sein, wie ich doch eigentlich bin oder zumindest sein möchte. Und schließlich bin ich manchmal auch von Gott enttäuscht. Wenn meine Gebete scheinbar nicht erhört werden. Oder wenn etwas geschieht, von dem ich meine: Gott hätte es verhindern, er hätte eingreifen müssen.
Manchmal bin ich enttäuscht. Und ich vermute, ich bin es immer dann, wenn ich die Erfahrung mache: Meine Vorstellungen und Erwartungen stimmen nicht mit den Vorstellungen und Erwartungen meiner Umgebung überein. Oder sie stimmen generell nicht mit der Realität, mit dem Möglichen und Machbaren überein. Oder anders ausgedrückt: Ich bin immer dann enttäuscht, wenn ich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werde. Diese Landung kann mitunter sehr schmerzhaft sein. Sie kann zudem mit viel Traurigkeit, manchmal auch mit Wut verbunden sein.
Wenn man das Wort „enttäuschen“ einmal genauer betrachtet, dann kann man einer Enttäuschung aber auch etwas Positives abgewinnen. Das liegt an der Silbe „ent“, die die Bedeutung „von etwas weg“ hat. Wenn Sie z.B. Ihren Wasserkocher, Ihre Spül- oder Waschmaschine ent-kalken, dann bringen Sie sie weg vom Kalk, dann befreien Sie sie davon. Wenn Sie Ihren Körper ent-wässern, dann bringen Sie ihn weg von unguten Wassereinlagerungen, dann befreien Sie ihn davon. Und wenn Sie ent-täuscht werden, dann werden Sie von einer Täuschung weggebracht. Dann werden Sie von einer Täuschung, der sie erlegen waren, befreit.
Wenn ich also darüber enttäuscht bin, dass ein anderer mich anlügt oder versetzt, dann werde ich von der Täuschung befreit: Menschen sagen immer die Wahrheit und sind immer zuverlässig. Wenn ich darüber enttäuscht bin, dass Deutschland bei der Fußball-Weltmeisterschaft schon im Sechzehntelfinale ausgeschieden ist, dann werde ich von der Täuschung befreit: Deutschland spielt besser Fußball als der Rest der Welt und muss daher immer im Finale stehen. Wenn ich darüber enttäuscht bin, dass mir etwas nicht gelingt, dann werde ich von der Täuschung befreit: Ich kann und muss immer alles schaffen. Und wenn ich darüber enttäuscht bin, dass meine Gebete nicht erhört werden, dann werde ich von der Täuschung befreit: Gott muss immer so reagieren, wie wir Menschen es uns vorstellen und von ihm erwarten. Wenn man eine Ent-täuschung aus diesem Blickwinkel heraus betrachtet, tut sie zwar immer noch weh. Denn manche Täuschung gewinnen wir im Laufe unseres Lebens sehr lieb und mögen uns gar nicht so recht von ihr trennen. Aber eine Enttäuschung hat dann auch etwas Gutes, etwas Heilsames.
Im heutigen Predigttext geht es sehr viel um Enttäuschung, auch wenn das Wort Enttäuschung darin überhaupt nicht vorkommt. Doch hören Sie selbst. Ich lesen einen Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief im 1. Kapitel. Der Apostel Paulus schreibt:
18 Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es eine Gotteskraft.
22 Die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit,
23 wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit;
24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
Wie gesagt: Das Wort Enttäuschung kommt in diesem Abschnitt nicht vor. Stattdessen ist vom Kreuz die Rede und vom Gekreuzigten, von Weisheit und Torheit, von verloren werden und selig werden, von Juden und Griechen.
Ich kann mir vorstellen: Der Apostel Paulus hat in seinem Leben sehr viele Menschen enttäuscht, und zwar durch seine Predigten, durch das, was er den Menschen von Gott und von Jesus Christus erzählt hat. Seine Predigten haben sich nämlich immer nur um das Kreuz und um den Gekreuzigten gedreht. Paulus hat jedem jederzeit nichts anderes gesagt als: „Wenn du wissen willst, wie Gott ist, wenn du wissen willst, wie Gott zu dir steht, wenn du wissen willst, wo Gott zu finden ist, dann schau auf das Kreuz, genauer gesagt: Dann schau auf den Gekreuzigten.“ Aber dieser Blick, dieser Anblick des Kreuzes und des Gekreuzigten war für viele seiner Zuhörer eine einzige Enttäuschung – sowohl für diejenigen unter ihnen, die an den einen Gott glaubten, also die Juden, als auch für diejenigen, die an viele verschiedene Götter glaubten, also die Griechen bzw. die Heiden. Denn sie alle hatten ein ganz und gar anderes Bild von Gott vor Augen.
Für die Juden war der Blick auf das Kreuz und auf den Gekreuzigten ein regelrechtes Ärgernis. Wie sollte einer, der elend am Kreuz stirbt – hingerichtet wie ein Verbrecher, wie sollte der der verheißene Messias, der Gesalbte Gottes, sein? Mit seinem Tod am Kreuz hatte Jesus jeglichen Anspruch darauf verloren. Und für die Griechen war der Blick auf das Kreuz und auf den Gekreuzigten nichts weiter als eine Torheit, eine ausgesprochene Dummheit. Denn das Kreuz war für sie der Inbegriff von Schande. Kein Redner in der Antike hat jemals positiv vom Kreuz oder von einem Gekreuzigten gesprochen. Die Kreuzigung war die Todesart der Unfreien, der Sklaven, der Schwerverbrecher, des Abschaums der Gesellschaft.
Der Blick auf das Kreuz und auf den Gekreuzigten ist nicht leicht auszuhalten – weder damals noch heute. Er ist auch für uns Christinnen und Christen nicht immer leicht auszuhalten. Denn das, was wir da sehen, es ent-täuscht. Es stellt alles auf den Kopf. Es widerspricht der Logik unserer Welt. Es widerspricht der Logik der Stärke. Denn das Kreuz verkündet einen Gott, der schwach und ohnmächtig wird. Schon zu Lebzeiten hat Jesus alles auf den Kopf gestellt: Er sitzt mit Steuereintreibern an einem Tisch und macht einen verhassten Fremden, einen Samariter, zum Vorbild. Jesus zieht auf einem Esel reitend in Jerusalem ein und ist sich nicht zu schade dafür, seinen Jüngern die Füße zu waschen. Und geboren wird Jesus nicht in einem Palast, umgeben von Glanz und Herrlichkeit, sondern in der Armut und Niedrigkeit eines Stalls.
Der Blick auf das Kreuz und auf den Gekreuzigten ist nicht leicht auszuhalten – weder damals noch heute. Er ist auch für uns Christinnen und Christen nicht immer leicht auszuhalten. Weil das Kreuz und der Gekreuzigte alles auf den Kopf stellen, was in unserer Welt und nach menschlichen Maßstäben zählt. Aber die, die diesen Blick aushalten, können darin einer Kraft begegnen. Es ist dies eine Kraft, von der Paulus sagt: Sie ist nicht von dieser Welt. Sie ist eine Gotteskraft. Paulus hat diese Gotteskraft in seinem Leben erfahren. Viele andere nach Paulus haben diese Gotteskraft ebenfalls in ihrem Leben erfahren – bis heute. Es ist die Kraft, durch die ich meine eigene Ohnmacht und Schwachheit aushalten kann. Es ist die Kraft, durch die ich die Ängste vor der Zukunft und die Sorgen um die Kinder und Enkelkinder aushalten kann. Es ist die Kraft, durch die ich eine Diagnose und die dazugehörigen Therapien aushalten kann. Es ist die Kraft, durch die ich den Verlust geliebter Menschen aushalten kann. Und es ist die Kraft, durch die ich die Enttäuschungen meines Lebens aushalten kann – wie immer diese auch aussehen mögen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.