Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Der Predigttext für den Altjahresabend steht im Hebräerbrief im 13. Kapitel:
8 Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.
9 Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.
Herr, öffne unsere Herzen, dass wir dein Wort verstehen und aus ihm leben lernen. Amen.
Liebe Gemeinde,
was wünschen Sie sich für das neue Jahr? Ich denke, viele Menschen haben auf ihrer Wunschliste für das neue Jahr weniger materielle Dinge stehen als vielmehr Dinge, die mit Geld nicht zu kaufen oder zumindest mit Geld nicht zu garantieren sind – Dinge wie Gesundheit, Zufriedenheit, Zeit, das Zusammensein mit den Menschen, die sie lieben, Frieden. Was wünschen Sie sich für das neue Jahr? Was wünschen Sie sich von Gott? Worum bitten Sie ihn für das neue Jahr – gerade heute: am letzten Tag des Jahres, an der Schwelle zum neuen Jahr?
Der berühmte König Salomo aus dem Alten Testament hatte bei Gott einen Wunsch frei – weniger für das neue Jahr als vielmehr für sein neues Leben, für sein Leben als König. Auch Salomo entschied sich nicht für materielle Dinge wie Reichtum und Macht, sondern für Weisheit, genauer gesagt: für ein weises Herz. Dabei muss man wissen: Das Herz ist nach biblischem Verständnis schlichtweg alles. Es ist zum einen der Sitz der Lebenskraft. Es ist zum anderen die Steuerzentrale aller Empfindungen und Regungen. Daher kann das Herz jubeln, jammern, stöhnen, mutig und standhaft oder ängstlich und verzagt sein. Das Herz ist aber auch der Sitz der Entschlüsse und Pläne. Es treibt einen Menschen dazu, etwas zu tun oder zu lassen. Das Herz ist der Sitz des Verstandes und nicht zuletzt: Es ist der Ort, an dem die Weisheit wohnt. Von daher kann man sagen: Herz gut, alles gut.
Der heute Predigttext sagt: Ein festes Herz – das ist ein „köstlich Ding“. Ein festes Herz – ja, das wäre gut. Das wäre sicherlich auch ein guter Wunsch für das neue Jahr. Ein weiches Herz ist zwar auch etwas Schönes. Denn ein weiches Herz ist empfindsam und einfühlsam. Aber ein weiches Herz hat unter Umständen nur wenig Widerstandskraft. Aber bitte auch kein hartes oder verhärtetes Herz. Denn ein solches ist unerträglich für andere und steht zudem in der Gefahr, spröde zu werden und somit leicht zu zerbrechen. Also weder ein weiches noch ein hartes, sondern ein festes Herz – ja, das wäre gut.
Mehr noch: Ein festes Herz, das wäre wirklich ein „köstlich Ding“ – in unserer sich wandelnden Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint. In der immer mehr Informationen in immer kürzeren Abständen verbreitet und ausgetauscht werden. In der zugleich alles immer belangloser, immer schneller vergessen wird und die Menschen sich nach kurzer Zeit der nächsten interessanten Neuigkeit zuwenden. Ein festes Herz, das wäre wirklich ein „köstlich Ding“ – in unserer sich wandelnden Welt, in der nichts bleibt, wie es ist: Menschen kommen und gehen, sind gestern noch gesund und heute ernstlich krank, sind gestern noch geistig frisch und erkennen heute die eigenen Kinder nicht mehr, stehen gestern noch mitten im Leben und hinterlassen heute einen leeren Platz. Menschen kommen und gehen, Träume und Hoffnungen werden geboren und erlöschen wieder, manches rückt in Vergessenheit und anderes rückt in den Vordergrund – wie gut wäre da ein festes Herz.
Was aber macht das Herz fest? Was gibt dem Herzen Ruhe, Gewissheit, Halt, Orientierung, Lebens- und Widerstandskraft? Ich denke, auf diese Frage gibt es mehrere Antworten. Die Familie oder ein Partner, der da ist, egal was kommt, kann das Herz fest machen. Oder ein Netzwerk aus guten Freunden, das hält und trägt, kann das Herz fest machen. Oder der Beruf, das persönliche Engagement, das Freude, Zufriedenheit und Erfüllung bringt. Oder der Glaube, der tröstet und stärkt. Wie gesagt: Mehrere Antworten sind möglich. Aber nicht mehrere Antworten sind nötig. Ich denke, eine Antwort genügt uns Menschen schon, damit unser Herz fest wird. Aber diese eine Antwort braucht unser Herz dann auch unbedingt. Es braucht dieses eine, woran es sich festhalten kann. Das Herz kann sich nämlich nicht an sich selbst fest machen. Es kann sich nicht an sich selber festhalten. Oder haben Sie schon einmal versucht, wenn sie in einem überfüllten Bus stehen und es holprig oder kurvig wird, sich an ihrer eigenen Krawatte oder an ihrem eigenen Schal festzuhalten? Ich denke, Sie werden eher nach dem Haltegriff greifen. Ein festes Herz verdankt sich nicht sich selbst, sondern etwas anderem. Es braucht einen Grund, auf dem es steht.
Der Kirchenvater Augustinus hat einmal gesagt: „Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in dir, Gott.“ Für Augustinus war es Gott, der das Herz ruhig und fest macht – im Wandel der Zeiten, im Wandel der Welt, im Wandel des Lebens. Weil Gott selbst unwandelbar ist.
Der Predigttext sagt das Gleiche von Jesus Christus: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“. Die Zeiten mögen um uns wehen und wogen – Jesus bleibt, der er war und ist. Die Zeiten mögen fliehen oder fliegen – Jesus steht fest. Die Jahre mögen dahingehen in einem Tempo, das uns ängstigt – Jesus ist da und tröstet, wie er immer getröstet hat. Alles um uns her verändert sich und ist letztlich vergänglich. Aber bei allem, was sich verändert, so dass man fast schon nicht mehr mitkommt, bei allem, was geschieht und einem den Boden unter den Füßen wegzureißen droht, in aller Vergänglichkeit, die uns tagtäglich umgibt, gibt es einen, der bleibt: Jesus Christus. Er bleibt, der er ist, und er bleibt ewig. Daher kann ich mich auf ihn verlassen. Daher kann ich mich an ihn halten, mich an ihm festhalten.
„Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Doch was, wenn diese Zusage, wenn dieser Trost nicht bei mir ankommt? Was, wenn dieser Halt mich selbst nicht hält, mein Herz nicht fest macht?
Der Predigttext sagt: Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass das Herz fest wird. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass das Wissen um Gott, um sein Dasein, sein Mitgehen, seine Unwandelbarkeit das Herz fest macht. „Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.“ Heißt es im Predigttext. Ein festes Herz wird durch Gnade bewirkt. Und Gnade ist ein Geschenk – ein Geschenk, das ich nicht erzwingen kann, auf das ich keinen Anspruch habe. Aber ist das nicht ungerecht? Dem einen wird dieses Geschenk der Gnade gemacht, dem einen wird ein festes Herz zuteil und dem anderen nicht. Der eine muss sich ängstlich und verzagt durchs Leben schlagen und der andere geht voller Vertrauen und Zuversicht hindurch, gehalten und getragen selbst in schwierigen Situationen – ist das nicht ungerecht?
Ich habe einmal von einer Untersuchung über sogenannte „Glückspilze“ gelesen. Es wurde dabei der Frage nachgegangen, warum einige Menschen immer Glück zu haben scheinen und andere nicht. Gibt es etwa ein „Glückspilz-Gen“ oder ist alles nur Zufall, reine Glückssache eben? Das Ergebnis war: Glück ist nicht machbar, aber man kann sich dafür empfangsbereit machen. Man hatte herausgefunden, dass sogenannte „Glückspilze“ vom Typ her sehr ähnlich sind. Sie sind offen und aufgeschlossen, sie kommunizieren viel, gehen auf andere Menschen zu, haben einen großen Freundes- und Bekanntenkreis und vielfältige Interessen. Das allein macht aus ihnen zwar noch keine „Glückspilze“, aber es macht sie empfangsbereit für das Glück. Denn durch ihre Art treffen sie Menschen, die sie weiterbringen können. Sie erfahren Dinge, die ihnen irgendwann von Vorteil sein können. Sie knüpfen Kontakte, die sie später einmal nutzen können. Es bieten sich ihnen Gelegenheiten, die sie beim Schopf ergreifen können. Ihre Offenheit und Aufgeschlossenheit Menschen und Dingen, Themen und Entwicklungen gegenüber macht sie empfangsbereit für das Glück. Das ist der große Unterschied zu denjenigen, die in ihrem Leben scheinbar nie Glück haben. Sie verbringen demgegenüber ihr Leben überwiegend in den eigenen vier Wänden und pflegen keinen oder nur wenig Kontakt zur Außenwelt. Auf diese Weise können sie nur darauf warten, dass das Glück irgendwann einmal – zufällig – an ihre Türe klopft.
Ich denke, ähnlich wie mit dem Glück verhält es sich auch mit der Gnade – mit der Gnade, die das Herz fest macht. Ich kann diese Gnade nicht herbeizwingen, aber ich kann mich empfangsbereit für sie machen. Ich kann der Gnade entgegengehen. Ich denke, der Gang zum Gottesdienst ist ein solcher Weg, auf dem ich der Gnade entgegengehe, auf dem ich mich empfangsbereit für sie mache. Wir gehen ja nicht zum Gottesdienst, um Gott einen Gefallen zu tun, sondern wir gehen zum Gottesdienst, um uns einen Gefallen zu tun. Denn im Gottesdienst dürfen wir erwarten, dass Gott uns nach einer anstrengenden oder ermüdenden oder traurigen Woche das Herz wieder fest macht – durch sein Wort, durch die Gemeinschaft mit ihm in der Feier des Abendmahls und durch seinen Segen. Indem er seine Hände auf uns legt und sagt: „Ich bleibe, der ich bin. Und ich bleibe bei dir. Hab‘ keine Angst vor und in dieser Welt, wie beunruhigend die Zeiten dir auch erscheinen mögen, wie unbekannt das neue Jahr auch vor dir liegen mag.“
Gott verändert nicht unbedingt die Verhältnisse – die Verhältnisse, in denen wir leben. Aber er verändert Herzen – auch unsere Herzen. Er macht aus müden und verzagten Herzen feste Herzen. Und feste Herzen können dann wiederum Verhältnisse verändern. Oder sie haben die Kraft, mit unveränderlichen Verhältnissen zurechtzukommen.
Was wünschen Sie sich für das neue Jahr? Ich wünsche Ihnen und mir selbst ein festes Herz – natürlich. Aber ich wünsche uns auch und vielleicht noch viel mehr, dass von den vielen Wegen, die wir im neuen Jahr gehen werden, der eine oder andere Weg dabei ist, auf dem wir der Gnade entgegengehen – der Gnade, die das Herz fest macht. Und noch eines wünsche ich uns: Dass wir, wenn wir dieser Gnade tatsächlich begegnen, dass wir sie uns dann auch gefallen lassen. Dass wir sie an uns geschehen, dass wir sie uns tatsächlich schenken lassen. Es ist manchmal ja gar nicht so einfach, ein Geschenk anzunehmen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.