Predigt am 28. September

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Predigt (Hebr 13,15-16)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. 

Liebe Gemeinde, 

Sie alle kennen vermutlich das sogenannte „Doppelgebot der Liebe“: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft.“ Und: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Kennen Sie aber auch das „Doppelgebot des Lobens“? Nachlesen kann man es im heutigen Predigttext aus dem 13. Kapitel des Hebräerbriefes. Dort heißt es: „So lasst uns nun durch Jesus Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.“ 

Wie das „Doppelgebot der Liebe“ bezieht sich auch das „Doppelgebot des Lobens“ auf Gott und auf den Mitmenschen. Gott und mein Nächster sind also die zwei Seiten meiner „Lob-Medaille“. Zunächst einmal soll ich Gott loben. Oder wie es im Predigttext heißt: Ich soll Gott „Lobopfer“ darbringen. Mit einem solchen „Lobopfer“ kann ich Gott allerdings nicht gnädig stimmen. Sondern mit einem „Lobopfer“ danke ich Gott dafür, dass er mir bereits gnädig gewesen ist. Ein „Lobopfer“ ist keine Anfrage des Menschen an Gott, sondern es ist seine Antwort an ihn. Es ist die Antwort des Menschen auf Gottes Gnade, auf Gottes Güte und Treue, auf seine Liebe zu uns Menschen. 

Heute, am Erntedankfest, machen wir nichts anderes, als Gott ein solches „Lobopfer“ darzubringen. Wir danken Gott dafür, dass er uns gnädig war. Wir loben ihn für das, was wir in diesem Jahr an Ernte einbringen durften, was wir durch ihn an Gutem erfahren haben. Mit unserem Lob bekennen wir uns gleichzeitig zu Gott: Er ist der Schöpfer alles Lebens. Er ist der Geber aller Gaben. 

Bei diesen „Lobopfern“ für Gott soll es nach Aussage des Predigttextes aber nicht bleiben. Es ist ja ein „Doppelgebot des Lobens“. Neben der Hinwendung zu Gott steht gleichzeitig und gleichwertig die Hinwendung zum Nächsten, die Hinwendung zum Mitmenschen. Das „Lob“ des Mitmenschen sieht allerdings ganz anders aus als das Gotteslob. Das „Lob“ des Mitmenschen zeigt sich – ganz konkret – im Teilen und im Gutes-Tun. Im Predigttext heißt es: „Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.“ Sprachlich verbunden sind diese beiden Arten des Lobens – das Gotteslob und das „Lob“ des Mitmenschen – durch das Wort „Opfer“. Wir loben Gott, indem wir ihm „Lobopfer“ darbringen, indem wir ihm für seine Güte und Treue danken. Und wir „loben“ unseren Mitmenschen, indem wir für ihn ein „Opfer“ bringen – egal, ob es sich dabei um Zeit oder Geld oder um den Einsatz unserer Kraft oder unserer Fähigkeiten handelt. 

Eine jüdische Weisheit geht übrigens davon aus, dass das „Lobopfer“ für Gott beinahe automatisch das „Opfer“ für den Mitmenschen nach sich zieht. Diese jüdische Weisheit geht davon aus, dass die Hinwendung zu Gott fast automatisch zu einer Hinwendung zum Nächsten führt. Sie lautet: „Wenn man Gott begegnet, will man seine Taten nachahmen.“ Mit anderen Worten: Wer der Liebe und Güte Gottes in seinem Leben begegnet, der will von dieser erfahrenen Liebe und Güte Gottes auch an andere weitergeben. Der will, dass allen Menschen geholfen wird. Und deshalb packt er selbst mit an und tut Gutes und teilt die Güter und Gaben Gottes. 

Wenn es also erst einmal mit dem Gotteslob, mit dem „Lobopfer“ klappt, dann klappt es auch mit dem „Lob“ bzw. mit dem „Opfer“ für den Mitmenschen. Das sagt zumindest die jüdische Weisheit. Doch wie komme ich in eine solche Bewegung des Lobens überhaupt hinein? Ich denke, der größte Anreiz etwas zu tun, ist für uns Menschen der Nutzen. Ich tue etwas, wenn mir dieses Tun etwas bringt. Das würde bedeuten: Der größte Anreiz dafür, Gott und in der Folge auch meinen Nächsten zu „loben“, wäre der, dass das Loben mir selbst etwas bringt. Daher die Frage: Bringt mir das Loben etwas? Und wenn ja, was?

Ich bin mir sicher: Das Loben bringt mir etwas, und zwar bringt es mir einen anderen Blickwinkel. Denn wenn ich nach Spuren von Gottes Güte und Treue in meinem Leben suche und wenn ich dann für diese mit Sicherheit entdeckten Spuren Gott lobe, dann verändert sich mein Blickwinkel. Denn dann wende ich mich Gott zu. Und wenn ich mich Gott zuwende, dann wende ich mich – zumindest für den Moment – von mir selber weg. Wenn ich mich Gott zuwende, dann lasse ich – zumindest für den Moment – mich selber los. Dann lasse ich meine Angst los. Zum Beispiel meine Angst, im Leben zu kurz zu kommen. Oder meine Angst, dass alles an mir hängt und von mir abhängt. Wenn ich mich Gott zuwende, dann lasse ich die Überzeugung los, dass ich alles, was ich bin und habe, mir selber verdanke. Ich lasse den Druck los, dass ich mir den Sinn meines Lebens selber geben muss. Und wenn ich es tatsächlich schaffe, mich im Loben, in der Hinwendung zu Gott einmal selbst loszulassen, dann kann ich etwas von dem spüren, was der Schriftsteller Hanns Dieter Hüsch einmal so ausgedrückt hat: 

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.

Gott nahm in seine Hände meine Zeit.

Mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,

mein Triumphieren und Verzagen,

das Elend und die Zärtlichkeit.

 

Was macht, dass ich so fröhlich bin in meinem kleinen Reich.

Ich sing und tanze her und hin

vom Kindbett bis zur Leich.

Was macht, dass ich so furchtlos bin

an vielen dunklen Tagen.

Es kommt ein Geist in meinen Sinn,

will mich durchs Leben tragen.

Was macht, dass ich so unbeschwert,

und mich kein Trübsal hält,

weil mich mein Gott das Lachen lehrt,

wohl über alle Welt.

 

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.

Gott nahm in seine Hände meine Zeit.

Mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,

mein Triumphieren und Verzagen,

das Elend und die Zärtlichkeit. 

Genau genommen geht es bei dem „Doppelgebot des Lobens“ nicht nur um Gott und um den Mitmenschen, sondern es geht dabei auch und nicht zuletzt um mich selbst. Das Loben tut mir selbst gut. Denn es verändert meinen Blickwinkel. – Gut, dass wir nicht nur heute, am Erntedankfest, sondern an jedem Tag „loben“ und damit uns selbst etwas Gutes tun können! 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.