Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, der für uns Mensch geworden ist, sei mit euch allen. Amen.
Liebe Gemeinde des Heiligen Abends,
„alles wird gut!“ Vielleicht erinnern Sie sich noch an diesen Satz der Fernsehmoderatorin Nina Ruge. Sie hat ihn von 1997 bis 2007 Tag für Tag am Ende ihrer Boulevardsendung „Leute heute“ freundlich lächelnd in die Kamera gesagt. „Alles wird gut!“ Oft habe ich mich über diesen Satz geärgert. Weil er nach einer Viertelstunde Klatsch und Tratsch über Prominente, über Stars und Sternchen aus Politik und Wirtschaft, Sport und Showgeschäft leer, oberflächlich und abgedroschen wirkte. Und weil ich ihn der stets gutgelaunten Moderatorin nicht so recht abgenommen habe. Denn es ist eben vieles nicht gut – hier bei uns und anderswo. Damals wie heute. Selbst heute am Heiligen Abend ist vieles nicht gut. Es ist auch nicht abzusehen, dass alles gut werden wird. Es ist noch nicht einmal vorstellbar, wie alles gut werden könnte. Denn es ist alles so komplex und kompliziert geworden. Es ist alles so groß geworden – beängstigend groß. Nicht mehr zu überblicken und nicht zu durchschauen. Für vieles scheint es auch schlichtweg zu spät zu sein, um noch oder wieder gut werden zu können. Und manchmal hat man sogar den Eindruck, vieles wird nicht nur nicht gut, sondern vieles wird immer schlechter.
„Alles wird gut!“ Wie gesagt: Ich habe mich oft über diesen Satz geärgert. Und zugleich habe ich mich auch über ihn gefreut. Denn Nina Ruge hatte ja Recht! Besser hätte sie es gar nicht ausdrücken können. „Alles wird gut!“ – das ist es doch, was wir als Christinnen und Christen glauben. Das ist es, worauf wir vertrauen. Wir glauben, wir vertrauen darauf, dass Gott alles gut machen wird – mit der Welt und auch mit unserem ganz persönlichen Leben. Auch mit dem, was für uns offen und unbegreiflich bleibt und von dem wir uns nicht vorstellen können, wie es einmal gut werden soll. „Alles wird gut!“ Das ist die Hoffnung, aus der heraus wir als Christinnen und Christen leben.
„Alles wird gut!“ Das ist auch die Hoffnung, die der Prophet Jesaja den Menschen seiner Zeit zugerufen hat und uns heute zuruft:
1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
2 Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.
3 Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen.
4 Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;
6 auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.
„Alles wird gut!“ So glauben wir. So hoffen wir. So sagt es der Prophet Jesaja. Und zugleich fragen wir uns: „Aber wann? Wann wird denn endlich alles gut?“. Denn Jesajas Vision ist noch längst nicht Wirklichkeit geworden – auch nicht zweieinhalbtausend Jahre, nachdem sie aufgeschrieben wurde. Jesajas Vision von dem Licht, das nicht nur sehen lässt, sondern auch sichtbar macht – gerade die, die im Dunkeln sitzen. Jesajas Vision von lautem Jubel, von einer unbeschreiblichen Freude, von einer Fröhlichkeit, die aus dem Vollen schöpft. Jesajas Vision vom Ende aller Unterdrückung – aller Unterdrückung von Völkern, von Gruppen und von einzelnen Menschen. Jesajas Vision, dass Krieg und Gewalt, Terror und Hass ein Ende haben. Kurz: Jesajas Vision vom Frieden für alle Welt. Diese Vision Jesajas ist noch längst nicht Wirklichkeit geworden. Obwohl das Kind geboren ist. Obwohl dieses Kind, das alles verändern soll, das die ganze Welt verwandeln soll, geboren ist.
Die Geburt dieses Kindes feiern wir heute. Die Geburt dieses Kindes feiern wir nun schon seit über zweitausend Jahren. Aber die Verwirklichung der Vision des Propheten Jesaja steht noch immer aus. Denn es ist nicht Friede für alle Welt. Es ist nicht alles gut. Selbst heute nicht – am Heiligen Abend. Wir Menschen schaffen es nicht einmal heute, dass alles gut ist, dass Friede herrscht. Nicht einmal einen Tag im Jahr schweigen die Waffen. Irgendwo gibt es immer Unfriede – zwischen ganzen Völkern ebenso wie zwischen einzelnen Menschen, sogar zwischen Menschen, die sich eigentlich nahestehen, die sich sogar lieben oder zumindest einmal geliebt haben.
„Alles wird gut!“ Ja. Aber wann? Wann wird endlich alles gut? Noch in diesem Leben oder erst in einem anderen Leben? Dem Christentum ist oft vorgeworfen worden, seine Hoffnung auf Veränderung, seine Hoffnung auf Verwandlung, seine Hoffnung, dass alles gut werden wird, sei nichts weiter als billige Vertröstung auf ein besseres Jenseits. Um die Gegenwart irgendwie erträglich zu machen. Doch das ist falsch. Es geht nicht um eine Hoffnung, die die Gegenwart nur irgendwie erträglich macht, sondern es geht um eine Hoffnung, die aus der Zukunft heraus in die Gegenwart hineinstrahlt und die Gegenwart verändert. Spürbar verändert.
Heute ist das Kind geboren, von dem der Prophet Jesaja gesprochen hat: Jesus von Nazareth. In ihm ist Gott selbst zur Welt gekommen – ein für allemal. Mit anderen Worten: Gott ist da, mitten in unserer Welt. Und damit bleibt die Welt nicht so, wie sie ist. Gott verwandelt die Welt. Aber er verwandelt die Welt nicht, indem er machtvoll eingreift, in dem er den Frieden einfach durchsetzt – wenn nötig mit Gewalt. Gott verwandelt die Welt nicht, indem er einfach alles gut werden lässt. Gott verwandelt die Welt nicht von oben herab, nicht über unsere Köpfe hinweg, sondern nur mit uns zusammen. Er verwandelt die Welt, indem er uns Menschen verwandelt. Denn es sind Menschen, die Frieden schließen. Es sind Menschen, die etwas gut machen – oder eben nicht. Das vergessen wir Menschen manchmal, wie folgende kleine Geschichte zeigt:
Ein junger Mann betritt im Traum einen Laden. Hinter der Theke steht ein Engel. Hastig fragt er ihn: „Was verkaufen Sie in Ihrem Laden?“ Der Engel antwortet freundlich: „Alles, was sie wollen.“ Der junge Mann überlegt nicht lange und beginnt aufzuzählen: „Dann hätte ich gerne das Ende aller Kriege in der Welt, bessere Bedingungen für die Randgruppen der Gesellschaft, Beseitigung der Elendsviertel in Lateinamerika und anderswo, Arbeit für die Arbeitslosen, mehr Gemeinschaft, mehr Liebe und... .“ Da fällt ihm der Engel ins Wort: „Entschuldigen Sie, junger Mann, Sie haben mich falsch verstanden. Wir verkaufen hier keine Früchte, wir verkaufen nur den Samen.“
Gott verwandelt die Welt, indem er Menschen verwandelt. Und die wiederum verwandeln dann die Welt. Mit seinem Verwandlungswerk will Gott übrigens bei uns anfangen – bei Ihnen und bei mir. Und er will heute damit anfangen – am Heiligen Abend. Denn heute ist das Kind geboren. Heute ist es wieder geboren. Heute will es auch in uns wieder geboren werden.
Aber wie soll das geschehen? Wie wird das Kind in uns geboren? Ich denke, indem wir eine andere Haltung dem Leben gegenüber einnehmen. Eine Haltung der Hoffnung – der Hoffnung gegen den Augenschein. Eine Haltung, die allem trotzt, was dagegen spricht. Eine Haltung, die allem trotzt, was dem Leben entgegensteht. Die allem trotzt, was uns fragen und zweifeln lässt. Wir können das. Wir können diese andere Haltung dem Leben gegenüber einnehmen. Wir können diese Haltung der Hoffnung einnehmen. Eben weil dieses Kind geboren ist. Denn das bedeutet: Gott ist da. Mitten in unserer Welt. Auch mitten in unserem ganz persönlich Leben. Deshalb können wir der Angst widerstehen. Denn wir sind nicht allein mit dem, was auf uns einstürmt. Deshalb können wir der Zukunft vertrauen. Denn Gott hält sie in seinen Händen. Deshalb können wir Wege der Versöhnung wagen. Denn Gott geht sie mit und schenkt die Kraft zum nächsten Schritt. Kurz: Deshalb können wir glauben, hoffen und lieben – und so die Welt verwandeln.
„Alles wird gut!“ Ja, es wird einmal alles gut. Gott macht einmal alles gut. Und er fängt damit heute an. Am Heiligen Abend. Bei uns. Machen wir mit! Lassen wir uns verwandeln – und verwandeln wir die Welt!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.