Predigt (Hebr 4,9)
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.
Liebe Gemeinde,
wie sind Sie heute Morgen hierhergekommen? Ich meine nicht, ob Sie zu Fuß oder mit dem Auto gekommen sind. Sondern: Woher sind Sie gekommen? Aus welcher Situation, aus welcher inneren Verfasstheit heraus? Genauer gesagt: Sind Sie aus der Ruhe oder aus der Unruhe hierhergekommen?
Vielleicht sind Sie aus der Unruhe heraus hierhergekommen. Weil die Zeit knapp war. Weil noch dieses und jenes vorbereitet oder erledigt werden musste. Und dann kam auch noch ein Anruf dazwischen. Vielleicht sind Sie auch aus einer inneren Unruhe heraus hierhergekommen. Weil an diesem Tag die Erinnerungen und Gefühle besonders stark sind. Oder weil die Sorge um die Familie, um den Arbeitsplatz oder um die Zukunft Sie umtreibt.
Vielleicht sind Sie aber auch eher aus der Ruhe heraus heute hierhergekommen. Weil Sie sich für den heutigen Tag nur das eine vorgenommen haben: ihn ganz bewusst zu erleben, ihn ganz bewusst zu durchleben. Diesen Tag mit seinen vielen Erinnerungen und Gefühlen. Vielleicht ist die Ruhe, aus der heraus Sie heute hierhergekommen sind, auch eine Art Grabesruhe. Weil zu Hause alles so still, so unnatürlich still, so unerträglich still ist – seitdem er oder sie nicht mehr da ist. Seitdem Sie allein sind – im Haus, in der Wohnung, im und mit dem Leben.
Wie sind Sie heute Morgen hierhergekommen? Woher sind Sie gekommen?
Der Verfasser des Hebräerbriefes fragt nicht danach, woher wir Menschen gekommen sind. Sondern er fragt danach, wohin wir Menschen gehen, wohin wir unterwegs sind. Und seine Antwort lautet: in die Ruhe. Das ist das Ziel. Der Verfasser des Hebräerbriefes schreibt: „Es ist noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes.“
Der Verfasser hat ein großes Bild vor Augen. Er sieht das alttestamentliche Gottesvolk auf seinem Weg durch die Wüste bis hinein ins gelobte, ins verheißene Land Kanaan. Und ebenso wie das alttestamentliche Gottesvolk sieht er auch das neutestamentliche Volk Gottes auf dem Weg, auf der Wanderung. Der Verfasser des Hebräerbriefes sieht uns alle auf dem Weg. Er sieht uns auf unserer Wanderung durch das Leben. Durch das Leben mit seinen Höhen und Tiefen, mit seinen Irrungen und Wirrungen, mit seinen Umwegen und Sackgassen, mit seinen Durststrecken und Wüstenzeiten. Aber auch mit einem Ziel. Und dieses Ziel heißt für ihn: Ruhe. Dieses Ziel heißt für ihn: Angekommen-Sein. Dieses Ziel heißt für ihn: Erfüllung aller Hoffnungen und Träume und Sehnsüchte. Es ist jedoch ein Ziel, das nicht von dieser Welt ist und das nicht auf dieser Welt zu erreichen ist. Denn dieses Ziel liegt bei Gott. Es ist Gottes Ruhe, von der der Verfasser des Hebräerbriefes hier spricht. Es ist Gottes Ewigkeit.
Diese Ruhe haben unsere Verstorbenen erreicht. Sie sind damit nicht zum Stillstand gekommen. Sie sind auch nicht aufs Abstellgleis geschoben oder aussortiert worden aus der Welt, in der wir noch leben. Sondern sie sind am Ziel angekommen. In Gottes Ruhe, in Gottes Ewigkeit kommt ein Mensch an das Ziel seines Lebens.
Für manche von Ihnen mag das ein Trost sein. Weil für Ihren Verstorbenen der Weg, die Wanderung durch dieses Leben schwer war – gerade am Ende, auf der letzten Wegstrecke. Weil diese Ruhe für Ihren Verstorbenen eine Erlösung bedeutet – eine Erlösung von Leiden und Schmerzen, die Sie als Angehöriger manches Mal vielleicht kaum noch mit ansehen konnten. Und wenn Ihr Verstorbener auf ein langes und gutes, auf ein volles und rundes Leben zurückblicken konnte – ein Leben zwar nicht nur mit Höhen, sondern auch mit Tiefen, aber eben doch ein langes und gutes, ein volles und rundes Leben, dann konnten Sie ihn vielleicht sogar dankbar in Gottes Ruhe, in seine Ewigkeit hineingehen lassen.
Für manche von Ihnen mag diese Ruhe aber auch kein Trost sein. Weil dieses Ziel, weil diese Ruhe für Ihren Verstorbenen viel zu früh kam. Weil sein Lebensweg, seine Wanderung durch das Leben viel zu kurz war. Weil er oder sie mitten aus dem Leben herausgerissen wurde. Weil sein Leben dieses Ziel erreicht hat, noch bevor es sich hier auf Erden recht entfalten konnte.
Es ist eine Ruhe vorhanden für unsere Verstorbenen. Ob für unser Empfinden viel zu früh oder schon länger herbeigesehnt, weil das Leiden und die Schmerzen unerträglich wurden – es ist eine Ruhe vorhanden. Das ist unser Glaube. Darauf vertrauen wir als Christinnen und Christen. Und in diesem Vertrauen gehen wir weiter – wir, die wir zurückbleiben. In diesem Vertrauen gehen wir weiter auf unserem Weg, auf unserer Wanderung durch dieses Leben. Denn unsere Wanderung geht ja weiter. Unsere Wanderung ist noch nicht zu Ende. Unser Leben ist noch nicht an seinem Ziel angekommen. Und für dieses Leben, unser Leben hier und jetzt, das noch nicht an seinem Ziel angekommen ist, haben wir zwei Aufgaben.
Die eine Aufgabe lautet: selber zur Ruhe zu kommen. Nicht zur ewigen Ruhe, nicht zu Gottes Ruhe – das noch nicht. Sondern zu der Ruhe, zu der man zurückfinden muss, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat. Da muss man wieder zur Ruhe kommen – äußerlich und innerlich. Der Körper muss wieder zur Ruhe kommen – nach langen Wochen und Monaten aufopfernder Pflege, nach Wochen und Monaten zwischen Hoffen und Bangen. Nachdem alles Augenmerk auf den anderen gerichtet war, muss man sich selbst wieder spüren lernen. Auch die Seele muss wieder zur Ruhe kommen. Denn da gibt es vieles, das sie unruhig machen kann, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat. Die Seele wird unruhig, wenn man nicht begreifen kann, was geschehen ist – und warum. Die Seele wird unruhig, wenn man sich fragt, wie es nun weitergehen soll. Ob es überhaupt weitergehen wird. Ob es unter diesen Umständen überhaupt weitergehen kann. Die Seele wird unruhig, wenn nicht mehr alles gesagt oder getan werden konnte, wenn Dinge nicht oder nicht mehr möglich waren, wenn etwas offen geblieben ist oder wir einander etwas schuldig geblieben sind.
Wir Menschen brauchen schon nach jeder Arbeitswoche einen Tag, um wieder zur Ruhe, um wieder zu uns selbst und auch zu Gott zu kommen – wir brauchen jede Woche einen Sonntag. Wie viel mehr brauchen wir eine Zeit des Zur-Ruhe-Kommens nach dem Verlust eines geliebten Menschen. Dann, wenn wir dem Tod, dem letzten großen Feind des Lebens, ins Auge geschaut haben. Dann, wenn wir mit der Vergänglichkeit des Lebens – auch unseres eigenen Lebens – konfrontiert worden sind.
Wir müssen selber wieder zur Ruhe kommen. Das ist die eine Aufgabe für uns Lebende – für uns, die wir zurückbleiben. Die andere Aufgabe ist die, wieder neu anzufangen. Wie es nach jedem Sonntag einen Montag gibt, an dem man wieder aufbricht – hinein ins Leben mit seinen großen und kleinen Anforderungen und Herausforderungen, so gibt es auch nach der Zeit der Trauer – so lang diese auch sein mag – irgendwann einen Zeitpunkt, an dem man wieder aufbricht. An dem man wieder neu ins Leben geht. An dem man das Leben neu wagt. Nicht so, als wenn nichts geschehen wäre. Das nicht. Denn der Tod eines Menschen kann nicht ungeschehen gemacht werden. Er ist zu einem festen Datum des eigenen Lebens, der eigenen Lebensgeschichte geworden. Aber es gilt, mit diesem Datum weiterzuleben. Weiterzugehen. Denn noch ist das eigene Leben nicht an seinem Ziel angekommen.
Dass es uns immer wieder gelingt, zur Ruhe zu kommen – hier und jetzt, um dann wieder neu ins Leben aufzubrechen: Das wünsche ich uns allen – gerade heute, an diesem Tag. Bis wir einmal alle am Ziel unseres Lebens angekommen sind – in Gottes Ruhe, in seiner Ewigkeit.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.