Predigt am 22. März 2026

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. 

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht bei dem Evangelisten Johannes im 11. Kapitel:

47 Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer einen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen.

48 Lassen wir ihn gewähren, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Tempel und Volk.

49 Einer aber von ihnen, Kaiphas, der in diesem Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisst nichts;

50 ihr bedenkt auch nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.

51 Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in diesem Jahr Hoherpriester war, weissagte er. Denn Jesus sollte sterben für das Volk

52 und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen.

53 Von dem Tage an war es für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.

Herr, öffne unsere Herzen, dass wir dein Wort verstehen und aus ihm leben lernen. Amen. 

Liebe Gemeinde, 

eine Geschichte aus China erzählt von einem armen Bauern, der einen kleinen Acker mit einem alten, müden Pferd bestellte und mit seinem einzigen Sohn – mehr schlecht als recht – davon lebte. Eines Tages lief ihm sein Pferd davon. Alle Nachbarn kamen und bedauerten ihn wegen seines Unglücks. Doch der Bauer blieb ruhig und sagte: „Woher wisst ihr, dass es Unglück ist?“ In der nächsten Woche kam das Pferd zurück und brachte zehn Wildpferde mit. Die Nachbarn kamen und gratulierten dem Bauern zu seinem großen Glück. Doch der antwortete bedächtig: „Woher wisst ihr, dass es Glück ist?“ Der Sohn fing die Pferde ein, nahm sich das wildeste und ritt darauf los. Aber das wilde Pferd warf ihn ab, und der Sohn brach sich ein Bein. Alle Nachbarn kamen und jammerten über das Unglück. Doch der Bauer blieb wieder ruhig und sagte: „Woher wisst ihr, dass es Unglück ist?“ Bald darauf brach ein Krieg aus, und alle jungen Männer mussten zur Armee. Nur der Sohn mit seinem gebrochenen Bein durfte zu Hause bleiben. 

So sind wir Menschen. Glück oder Unglück – da müssen wir meist nicht lange überlegen. In der Regel sind wir schnell bei der Hand mit unserer „Sicht der Dinge“ und kommen oft gar nicht auf den Gedanken, dass alles auch ganz anders sein könnte. Anders, als es auf den ersten Blick scheint. Anders, als es die Erfahrung lehrt. Anders, als es die Vernunft gebietet. Kurz: Anders, als wir Menschen es aufgrund unseres Wissens, unserer Weisheit, unseres Verstandes oder unserer Lebenserfahrung meinen. Mir gefällt diese Geschichte aus China. Denn sie ermahnt und ermutigt mich dazu, offen zu bleiben. Offen für eine andere „Sicht der Dinge“. Offen dafür, dass alles auch ganz anders sein könnte. 

Im heutigen Predigttext hat der Evangelist Johannes auch eine andere „Sicht der Dinge“. Genauer gesagt: Er hat eine andere Sicht auf Jesu Leiden und Sterben. Es ist eine andere Sicht als diejenige des sogenannten Hohen Rates. Dieser war zur Zeit Jesu die höchste jüdische Instanz. Der Hohe Rat trifft sich wegen Jesus. Es geht darum, eine Strategie im Umgang mit ihm zu finden. Denn dieser Jesus von Nazareth wirkt viele Wunder. Er fasziniert und begeistert die Massen. Er hat Einfluss auf die Menschen. Sie laufen ihm in Scharen nach. Und das macht ihn zu einem Problem. Denn Jesus untergräbt nicht nur die Autorität der jüdischen Entscheidngsträger, sondern er stellt auch eine politische Gefahr dar. Der große Zulauf des Volkes, den Jesus erfährt, könnte von Seiten der römischen Besatzungsmacht als Gefährdung der öffentlichen Ordnung angesehen werden. Hinter den Überlegungen des Hohen Rates steht also nicht nur die Frage nach dem Erhalt der eigenen Machtposition, sondern auch eine echte Sorge um „Land und Leute“. Daher ihr Entschluss: Der Eine muss geopfert werden, um nicht alle anderen zu gefährden. Oder wie es der Hohepriester Kaiphas ausdrückt: „Es ist besser, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.“ 

Auf den ersten Blick, von außen betrachtet, ist Jesus als politischer Unruhestifter verurteilt und hingerichtet worden. Er musste sterben, weil die jüdischen Verantwortlichen befürchteten, er könnte Unruhen auslösen – Unruhen, denen die Römer nicht tatenlos zusehen würden. Doch das ist nur eine „Sicht der Dinge“. Der Evangelist Johannes hat demgegenüber eine ganz andere. Der Glaube hat eine ganz andere. Jesus ist nicht einfach gestorben, damit Ruhe ist. Sondern er ist gestorben, damit Leben möglich ist. Und zwar nicht ein möglichst ruhiges Leben unter römischer Fremdherrschaft, sondern ein ewiges Leben in Gottes Gegenwart. Gott hat seinen Sohn gegeben, „damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“, sagt der Evangelist Johannes an anderer Stelle. 

Es kann alles auch ganz anders sein, sagt die Geschichte aus China von dem armen, weisen Bauern. Es ist alles ganz anders, sagt der Evangelist Johannes mit Blick auf Jesu Leiden und Sterben. Beide Erzählungen wollen mich offenhalten. Offen für eine andere „Sicht der Dinge“. Offen dafür, dass alles auch ganz anders sein könnte. Dass die Dinge ganz anders liegen könnten – im Großen und im Kleinen und auch bei mir selbst. In meinem ganz persönlichen Leben. Bei dem, was ich als großes Glück oder als großes Unglück empfinde. Bei meinen vermeintlichen Gewinnen und Erfolgen auf der einen Seite und bei meinen scheinbaren Niederlagen und Enttäuschungen, bei meinem scheinbaren Scheitern auf der anderen Seite. Der Predigttext aus dem Johannesevangelium will mich zudem offenhalten für Gott. Für sein Eingreifen, für sein Handeln. Dafür, dass Gott einen Plan hat mit dieser Welt und mit jedem einzelnen Menschen. Und dass Gott diesen Plan auch umsetzt – allen Umwegen, Widerständen und Widrigkeiten zum Trotz. 

Es gibt jedoch einen großen Unterschied zwischen der Geschichte aus China und der Erzählung aus dem Johannesevangelium. In der Geschichte aus China gibt es zwei Möglichkeiten, die Dinge zu betrachten: als Glück oder als Unglück. Das, was sich auf den ersten Blick als großes Glück darstellt, könnte auch ein ebenso ein Unglück sein. Und das, was nach sicherem Unglück aussieht, könnte auch ein großes Glück bedeuten. Für den Glauben gibt es letztlich nur eine Möglichkeit, und die heißt weder Glück noch Unglück, sondern die heißt Heil. Gottes Plan mit dieser Welt und mit jedem einzelnen Menschen ist Heil. Daher schreibt der Apostel Paulus der Gemeinde in Rom einmal: „Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen,“ denen müssen alle Dinge zum Heil dienen. 

Wenn ich mich allerdings umschaue – im Großen und im Kleinen, in der Welt und im Leben von Menschen, dann kann ich mir oft nur schwer vorstellen, dass tatsächlich alle Dinge zum Besten, zum Heil dienen müssen. So viel Leid und Elend in der Welt, so viel Leid und Elend im Leben von Menschen. So vieles, das ich nicht verstehe. So vieles, wo ich Gott nicht verstehe. Wo ich nicht verstehe, warum er dieses oder jenes zulässt. 

Wenn ich auf die Welt und auf das Leben von Menschen schaue, dann kann ich nicht immer ersehen, dass tatsächlich alle Dinge zum Besten, zum Heil dienen. Dann kann ich nicht immer erkennen, dass Gott es tatsächlich gut meint mit der Welt und mit jedem einzelnen Menschen. Dass das so ist, darauf kann ich letztlich nur vertrauen. Im Blick auf Jesus, im Blick auf das Kreuz kann ich dieses Vertrauen aber auch tatsächlich wagen. Denn hier – am Kreuz von Golgatha –ist alles ganz anders ist – anders, als es auf den ersten Blick scheint. Anders, als es die Erfahrung lehrt. Anders, als es die Vernunft gebietet. Kurz: Anders, als wir Menschen es aufgrund unseres Wissens, unserer Weisheit, unseres Verstandes und unserer Lebenserfahrung meinen und begreifen können. Hier – am Kreuz von Golgatha – ist die vermeintliche Niederlage ein Sieg. Hier – am Kreuz von Golgatha – ist die offensichtliche Schwäche Stärke. Hier – am Kreuz von Golgatha – ist der sicher geglaubte Tod das Leben. Unser Heil. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.