Predigt am 21. Juni 2026

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 15. Kapitel des Lukasevangeliums:

11 Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. 12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.

13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort abrachte er sein Erbteil durch mit Prassen. 14 Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben 15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. 16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. 17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! 18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! 20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater.

Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. 22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein! 24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen 26 und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. 27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. 9 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. 30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. 31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. 32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

Herr, öffne unsere Herzen, dass wir dein Wort verstehen und aus ihm leben lernen. Amen. 

Liebe Gemeinde, 

was war das für eine Aufregung – in Fußball-Deutschland. Kurz vor der Weltmeisterschaft. Als Bundestrainer Julian Nagelsmann Manuel Neuer zur neuen Nr. 1 gemacht hat bzw. zur neuen alten Nr. 1. Denn Manuel Neuer war bereits von 2010 bis 2024 Torwart der deutschen Nationalmannschaft. Er hatte sich nach der Europameisterschaft 2024 allerdings in den Nationalmannschafts-Ruhestand verabschiedet. Aber Julian Nagelsmann rief in zurück. Und Manuel Neuer kam zurück. Blöd für Oliver Baumann, der zwischenzeitlich die Nr. 1 war und der nun wieder die Nr. 2 ist. Denn es kann ja nur einer im Tor stehen. Es kann nur eine Nr. 1 geben. 

An die Aufregung um die deutsche Nr. 1 musste ich denken, als ich den heutigen Predigttext gelesen habe – das Gleichnis „Vom verlorenen Sohn“. Denn bei den beiden Söhnen, von denen im Gleichnis die Rede ist, geht es auch irgendwie um die Frage: Wer ist hier eigentlich die Nr. 1? 

Für den älteren Sohn im Gleichnis ist die Stunde endlich gekommen. Sein jüngerer Bruder verlässt den heimischen Hof und zieht in die weite Welt. Es wird nicht gesagt, welcher von beiden Söhnen bis dahin die Nr. 1 gewesen ist. Aber nun ist die Sache klar: Der Ältere ist die unangefochtene Nr. 1 – die rechte Hand des Vaters, der alleinige Erbe, ausgestattet nicht nur mit zahlreichen Pflichten und einer großen Verantwortung, sondern auch mit besonderen Rechten, mit Privilegien und gewissen Freiheiten. 

Ich denke, jeder Mensch möchte in seinem Leben in irgendetwas oder für irgendjemanden mal die Nr. 1 sein. Z.B. in der Schule ein Mathe-Ass sein oder eine Sportskanone oder ein Sprachgenie. Oder im Beruf der Beste auf seinem Gebiet sein – unentbehrlich für den Chef und die Kollegen. Oder ein ausgefallenes Hobby haben: Irgendetwas können, was andere in Erstaunen versetzt. Oder in der Liebe für einen Menschen die absolute Nr. 1 sein und ein Leben lang bleiben. 

Der ältere Sohn im Gleichnis nimmt seine Verantwortung als Nr. 1 sehr ernst. Er verrichtet seine Arbeit vorbildlich. Aber gefeiert wird er deshalb nicht. Und er kommt selber auch nicht zum Feiern. Er bekommt von seinem Vater noch nicht einmal ein Böckchen, um mit seinen Freunden gut essen und ein paar Stunden fröhlich sein zu können. Der ältere Sohn bekommt kein Böckchen – aber er nimmt sich auch keins. Mit anderen Worten: Er nimmt sich nicht die Freiheit, die er als Nr. 1 hat. Er nimmt sich nicht die Freiheit, bei all seinen Pflichten das Leben auch zu genießen. 

Der ältere Sohn ist nie in seine Position als Nr. 1 hineingewachsen. Er hat nicht begriffen: Zu meinen Pflichten gehören auch Rechte. Er hat nicht gelernt, neben aller Arbeit und Verantwortung auch mit seinen Freunden zu feiern und fröhlich zu sein. Und: Er hat nicht gelernt, mit Niederlagen umzugehen. Und dass Niederlagen zum Leben hinzugehören. Denn der ältere Sohn hat sich nicht erlaubt, irgendeinen Fehler zu machen oder eine Schwäche zu zeigen. Aber damit hat er sich um eine wesentliche Erfahrung gebracht: Die Erfahrung, dass er trotz Fehlern und Schwächen geliebt wird und wertgeschätzt ist. Die Erfahrung, dass er trotz Fehlern und Schwächen die Nr. 1 ist und bleibt. Man könnte auch sagen: Der ältere Sohn hat sich nicht entwickelt, sondern er ist klein geblieben. Und nun kann er keine Größe zeigen. 

Denn eines Tages passiert es: Der jüngere Bruder kommt zurück. Und nicht nur das: Er wird mit offenen Armen empfangen – trotz allem, was er sich geleistet hat. Obwohl er die Familie verlassen und das Erbe verschleudert hat und letztlich in der Gosse gelandet ist. Der jüngere Bruder – er wird gefeiert: neue Schuhe, ein neues Gewand, ein kostbarer Ring – sogar das Mastkalb wird für ihn geschlachtet. Er wird gefeiert wie die Nr. 1. 

Das ist zu viel für den Älteren. Er kann sich nicht für seinen Bruder freuen. Er kann nicht mit allen anderen dessen Rückkehr ins Leben feiern, weil er selbst nicht wirklich lebt. Weil er nur auf dem Papier die Nr. 1 ist. Und so bleibt der Ältere draußen und schließt sich selbst vom Fest, von der Feier des Lebens aus. 

Aber das lässt sein Vater wiederum nicht zu. Der Vater kann nicht anders: Weder kann er seinen zurückgekehrten Sohn nicht mit offenen Armen empfangen und ein Fest des Lebens für ihn geben noch kann er es zulassen, dass sein daheimgebliebener Sohn sich selbst weiterhin vom Leben und von der Feier des Lebens ausschließt. Deshalb macht sich der Vater auf den Weg zu beiden Söhnen. Denn beide sind auf ihre je eigene Weise verloren gegangen – dem Leben verloren gegangen. Zum einen läuft der Vater seinem jüngeren Sohn entgegen. Er rennt sogar – nach damaligen Maßstäben eine äußerst ungebührliche Reaktion für einen Mann seines Standes. Andererseits geht der Vater seinem älteren Sohn nach. Er verlässt um seinetwillen das Fest – ebenfalls kein angemessenes Verhalten für einen Gastgeber. Und nicht nur das – er bittet den Älteren sogar. Er bittet ihn, doch endlich teilzuhaben am Leben. Er sagt zu ihm: „Mein liebes Kind, alles, was mein ist, das ist auch dein. Begreif das doch endlich und mach davon Gebrauch!“ 

Der Vater lädt beide Söhne ein zum Leben – zum Leben als Nr. 1. Ebenso lädt Gott uns ein. Denn in Gottes Familie, in Gottes Mannschaft tragen alle Spielerinnen und Spieler das Trikot mit der Nr. 1. „Alles, was mein ist, das ist dein“, sagt Gott zu jedem Menschen. Und dieses „alles“ bedeutet Leben. Und zwar das volle Leben. Das Leben einer Nr. 1. Ein Leben, das bereit ist, sich einzusetzen. Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst, für andere und für die Schöpfung. Und das darin Erfüllung findet. Das wurde dem jüngeren Sohn erst in der Fremde bewusst. Aber zum Leben einer Nr. 1 gehört auch die Freiheit. Die Freiheit, wirklich zu leben und das Leben zu feiern. Über keinem Leben sollten am Ende allein die Worte stehen: „Müh‘ und Arbeit war dein Leben.“ Das sollte der ältere Sohn endlich begreifen. Und er sollte auch begreifen: Bei seinem Vater ist und bleibt er auch dann die Nr. 1, wenn ihm Fehler unterlaufen, wenn Schwächen zutage treten, wenn die Kräfte nachlassen oder wenn Erschöpfung sich breitmacht. 

In den allermeisten Bereichen des Lebens werden wir es nicht zur Nr. 1 bringen. Es gibt immer jemanden, der besser, begabter, schöner, reicher, erfolgreicher oder was auch immer ist. Wahrscheinlich werden wir es nicht einmal unter die Top 10 schaffen. Aber bei Gott sind und bleiben wir die Nr. 1 – unser Leben lang. Denn bei Gott heißt es: „Alles, was mein ist, das ist dein.“ Oder wie Jesus es gesagt hat: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ Und zwar nicht nur ein bisschen leben. Nicht nur irgendwie leben. Sondern ich darf das volle Leben leben. Das Leben einer Nr. 1. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.