Predigt am 18. Januar 2026

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. 

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 1. Korintherbrief im 2. Kapitel. Der Apostel Paulus schreibt:

1 Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen.

2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.

6 Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.

7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit,

8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.

10 Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes.

Herr, öffne unsere Herzen, dass wir dein Wort verstehen und aus ihm leben lernen. Amen. 

Liebe Gemeinde, 

fast 18 Tage des neuen Jahres sind vorüber. Sie sind gelebt – sie sind aufgedeckt, sie sind entdeckt. 346 Tage liegen noch vor uns und warten darauf, entdeckt zu werden. Was diese Entdeckungsreise durch das Jahr 2026 uns wohl bringen wird? 

Vielleicht haben Sie sich für diese Entdeckungsreise etwas ganz Bestimmtes vorgenommen. Vielleicht möchten Sie in diesem Jahr etwas ganz Bestimmtes entdecken. Vielleicht ist es sogar Gott, den Sie in diesem Jahr entdecken möchten – ganz neu, wieder oder überhaupt. 

Für eine solche Entdeckungsreise, für eine Entdeckungsreise mit dem Ziel „Gott“ gibt uns der Apostel Paulus im heutigen Predigttext einen wichtigen Hinweis. Zunächst einmal spricht Paulus von dem „Geheimnis Gottes“. Er sagt: „Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen.“ Mit anderen Worten: Gott ist nicht so einfach zu entdecken. Er ist nicht immer und überall, er ist nicht immer und überall gleich zu entdecken. Aber das hatten wir uns vermutlich schon selber gedacht. Weil wir das in unserem Leben schon selbst erfahren haben. Dann aber spricht Paulus davon, dass er den Korinthern nichts anderes als Jesus Christus, und zwar den gekreuzigten Jesus Christus gepredigt habe. Weil allein an ihm Gott erkannt, weil allein in ihm Gott entdeckt werden könne. 

Ich kann mir vorstellen: Die Korinther hat das auf den ersten Blick nicht so recht überzeugt, vielleicht auch auf den zweiten und dritten Blick nicht. Denn unsere menschlichen Vorstellungen von Gott sind oft ganz anders. Unsere menschlichen Vorstellungen von Gott gehen oft in eine ganz andere Richtung. Nach menschlichem Ermessen ist Gott nicht in einem Gekreuzigten, nicht in einem nach menschlichen Maßstäben Gescheiterten zu erkennen und zu entdecken, sondern in einem, der mit aller Macht und Herrlichkeit gekrönt ist. Doch Paulus sagt: „Darin liegt gerade das Geheimnis Gottes.“ Es liegt darin, dass Gott sich verborgen hat, und zwar genau unter dem Gegenteil dessen, was wir Menschen mit unserem Verstand und mit unserer Weisheit erwarten. 

Gott hat sich unter dem Gegenteil verborgen. Gott lässt sich unter dem Gegenteil erkennen und entdecken. Sagt Paulus. Und das war von Anfang an so – von Weihnachten, von der Krippe an. Nach menschlichem Ermessen hätte niemand Gott in einem ärmlichen Stall vermutet. Auch die Weisen aus dem Morgenland taten das nicht. Sie gingen auf ihrer Suche nach dem neugeborenen König, nach dem Heiland der Welt geradewegs zum Palast des Königs Herodes. Dort erwarteten sie den zu finden, auf den der Stern hindeutete – in der Pracht und Herrlichkeit eines Palastes und nicht in der Niedrigkeit und Armut eines Stalles. 

Von Anfang an hat sich Gott unter dem Gegenteil dessen verborgen, was wir Menschen mit unserem Verstand und mit unserer Weisheit erwarten. Und das ist bis zum Ende so geblieben – bis zum Kreuz. Nach menschlichem Ermessen stirbt Jesus ohnmächtig und gescheitert am Kreuz von Golgatha. Doch gerade in diesem vermeintlichen Scheitern erweist Gott seine ganze Macht. Denn aus der vermeintlichen Niederlage des Lebens am Karfreitag wird der Sieg des Lebens über den Tod am Ostermorgen. 

Von der Krippe bis zum Kreuz also hat sich Gott unter dem Gegenteil dessen verborgen, was wir Menschen erwarten. Von der Krippe bis zum Kreuz lässt Gott sich unter dem Gegenteil dessen, was wir Menschen erwarten, aber auch von uns entdecken. Manche Menschen entdecken ihn dort sofort – besonders Kinder. Erwachsenen fällt das oft schwerer, wie folgende Geschichte zeigt: 

Die Lehrerin hatte ihrer Klasse wieder einmal aus der Bibel vorgelesen, und Paulchen fand, dass es nun endlich an der Zeit sei, Gott einmal selbst zu begegnen. Zu Hause packt er einen kleinen Rucksack mit Obst und Süßigkeiten zusammen und marschiert los. Er setzt sich schließlich auf eine Bank an der Promenade und wartet. „Bitte, komm, lieber Gott!“, betet er inständig.

Es dauert nicht lange, da humpelt ein alter Mann auf Paulchen zu und setzt sich neben ihn. Er sieht so verhungert und verwahrlost aus, dass der Junge Mitleid mit ihm hat. Er wühlt in seinem Rucksack und zeigt dem Mann eine dicke Apfelsine. Dann nimmt er sein Taschenmesser, befreit die Frucht von ihrer Schale und reicht sie dem Mann auf einer Serviette. Gemeinsam essen die beiden, denn der Mann will die Apfelsine nicht allein verspeisen. Paulchens Rucksack wird immer leerer. Zuletzt gibt der Junge auch noch seine Lieblingsbrezel, weil ihn das dankbare Lächeln des Alten anrührt. Dieser bricht die Brezel mitten hindurch, nimmt eine Hälfte und gibt dem Kleinen die andere. „Du bist Gott, nicht wahr!?“, sagt Paulchen. „Danke, dass du mich besucht hast und mit mir isst!“ Der Alte antwortet nicht, sondern streicht ihm nur ganz zart über den Kopf.

Zu Hause fragt die Mutter ihren Sohn, was er den Nachmittag über gemacht habe und warum er so fröhlich aussehe. Paulchen erwidert: „Ich habe zusammen mit Gott gegessen. Wir haben alles geteilt, und er hat mich lieb angeschaut.“ Die Mutter sieht ihren Sohn verwundert an, fragt aber nur, wie Gott denn ausgesehen habe. Paulchen denkt kurz nach und meint schließlich: „Er hatte einen zerfledderten Hut auf und sah damit irgendwie cool aus. Er war Gott, das weiß ich ganz bestimmt! Du glaubst mir doch, Mama!?“ Die Mutter nickt kaum merklich, aber in ihrem Inneren ist sie aufgewühlt. Denn jedes Mal, wenn sie vom Einkaufen über die Promenade zurück nach Hause geht, sieht auch sie den alten Mann mit dem zerschlissenen Hut auf der Bank sitzen. Sie hatte bislang jedoch nur einen armen, alten Mann in ihm entdeckt. (nach Gabriele Lins) 

Wenn Gott sich vom Anfang bis zum Ende unter dem Gegenteil dessen verbirgt, was wir Menschen erwarten, dann müssten wir vielleicht auch in unserem Leben an ganz anderen Stellen nach ihm Ausschau halten – nicht auf der Sonnenseite des Lebens, nicht da, wo es uns gut geht, wo alles glatt läuft, wo wir nur so strotzen vor Lebensfreude und Lebenskraft. Sondern gerade auf der anderen Seite des Lebens, auf der Schattenseite. Da, wo es uns nicht gut geht, wo wir einsam oder krank sind, niedergeschlagen oder enttäuscht, traurig oder verzweifelt, schwach oder verletzlich. Wenn Gott sich vom Anfang bis zum Ende unter dem Gegenteil dessen verbirgt, was wir Menschen erwarten, dann ließe er sich wohl dort entdecken. 

Vielleicht könnten wir zu Beginn dieses neues Jahres gleich einmal innehalten und zurückschauen. Zurückschauen und überlegen: Wo war die bislang dunkelste Nacht meines Lebens? Wo war die bislang schwerste Niederlage, die bitterste Enttäuschung, der größte Verlust? Lässt sich Gott dort – zumindest im Rückblick – vielleicht entdecken? Etwa in einem Licht am Ende des Tunnels, in einem Hoffnungsschimmer. Oder in einem anderen Menschen, der in diesem dunklen Moment bei uns war, unsere Hand gehalten, mit uns ausgehalten hat? Oder in dem nur unbestimmten Gefühl, trotz allem, was uns gerade getroffen hat, nicht den Boden unter den Füßen, nicht den Mut zum Leben zu verlieren. Vielleicht entdecken wir Gott im Rückblick irgendwo dort. Und vielleicht gehen wir dann mit einem ganz anderen Blick durch die verbleibenden 346 Tage dieses neuen Jahres. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.