Predigt am 12. Mai 2024

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. 

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, liebe Gemeinde! 

Zu meinen Lieblings-Filmzitaten gehört folgender Satz: „Von deinen Launen bekommt man ja ein Schleudertrauma.“ Der Satz stammt aus dem ersten Teil der Vampir-Saga „Twilight“ aus dem Jahr 2008. Für diejenigen, die wissen, wovon ich rede: Das sagt im Film Bella zu Edward, wobei Edward das gleiche auch zu Bella sagen könnte. So ist das eben bei manchen: Im einen Moment sind sie himmelhochjauchzend, im nächsten Moment zu Tode betrübt. Mal wollen sie dieses, mal jenes. Mal sagen sie dieses, mal jenes. 

Der Satz gehört deshalb zu meinen Lieblings-Filmzitaten, weil man ihn auch auf das Leben übertragen kann. Auch vom Leben bekommt man manchmal ein Schleudertrauma – von seinen Launen, von seinen unverhofften Wendungen, von seinen Umbrüchen und Abbrüchen, von seinen Höhen und Tiefen, kurz: von seinen ständigen kleinen und größeren Veränderungen. Kaum hat man das Gefühl, alles würde seinen gewohnten Gang gehen, alles würde einigermaßen gut verlaufen, kommt wieder etwas dazwischen, das erst einmal alles durcheinander bringt. Kaum hat man sich an etwas gewöhnt hat, kaum hat man sich auf jemanden eingestellt, kommt wieder ein Wechsel, bekommt man etwas hinzu, verliert man jemanden. Es läuft einfach nie längere Zeit gleich. 

Auch in Bezug auf das Glaubensleben ist das so: Da ist im einen Moment alles klar. Es gibt keine Zweifel und keine Fragen. Gott erscheint so nah, dass ich ihn mit Händen greifen könnte. Und im nächsten Moment ist überhaupt nichts mehr klar. Und Gott scheint unendlich weit weg zu sein. 

Für manche Menschen mögen diese ständigen Veränderungen spannend sein, dem Leben erst seinen Reiz geben. Ich bräuchte sie nicht. Ich könnte gut und gern auf sie verzichten. Ein kleiner Trost ist für mich: Den Jüngern Jesu ging es damals auch nicht anders. Was sie innerhalb von ein paar Wochen alles erlebt haben an Höhen und Tiefen, an Freude und Leid, an Abschieden und Neuanfängen – das ist wirklich enorm. An Palmsonntag wird Jesus als König gefeiert – und die Jünger stehen mit ihm im Rampenlicht von Glück und Erfolg. Aber nur vier Tage später wird Jesus verhaftet – und die Jünger befinden sich mit einem Mal auf der Flucht. Am Karfreitag scheint schließlich alles vorbei zu sein – Jesus wird gekreuzigt. Für die Jünger stirbt mit ihm nicht nur ihr bester Freund, sondern auch alle ihre Hoffnung. Aber dann hören sie am Ostermorgen die unglaubliche Botschaft des Engels: „Jesus ist auferstanden. Er lebt.“ In den nächsten Tagen und Wochen können sie sich sogar mit eigenen Augen davon überzeugen. Doch ehe sie es sich recht versehen, ist Jesus an Himmelfahrt auch schon wieder weg – und dieses Mal endgültig. Aber auch das wird nicht das Ende sein. Denn nur zehn Tage später – an Pfingsten – sendet Jesus ihnen den Heiligen Geist. 

Auf diesen Moment bereitet Jesus seine Jünger vor – in seinen sogenannten Abschiedsreden, die uns der Evangelist Johannes überliefert hat. Einen Teil dieser Reden haben wir vorhin in der Lesung gehört. Da sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Weil ich dies zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden.“ 

Jesus bereitet seine Jünger auf den Abschied von ihm vor. Er verheißt ihnen aber auch: Es geht weiter. Es kommt etwas Neues, etwas Anderes. Es kommt ein anderer – der Heilige Geist, der Tröster. Mit anderen Worten: Jesus sagt seinen Jüngern, dass das Leben so ist – voller Veränderungen, voller Wechsel, voller Umbrüche und Abbrüche, voller Abschiede und Neuanfänge. Auch das Leben mit ihm, das Leben an seiner Seite, in seiner Nachfolge ist so. Doch Jesus geht noch einen Schritt weiter. Er sagt seinen Jüngern nicht nur, dass das Leben so ist. Sondern er sagt ihnen auch: Es ist gut so, dass es so ist. Er sagt zu ihnen: „Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden.“ 

Mit dieser Aussage habe ich ein Problem. Ich kann zwar versuchen zu akzeptieren, dass das Leben so ist. Ich kann versuchen, irgendwie damit zurechtzukommen, dass es so ist. Es bleibt mir ja auch nichts anderes übrig. Aber es gut finden, dass es so ist? Kann es denn gut sein, dass ein geliebter Mensch geht, gehen muss? Kann es denn gut sein, dass alles, was ich bisher geliebt habe und was mir wichtig war, plötzlich nicht mehr da ist? Ich bin mir sicher: Wenn man die Jünger damals vor die Wahl gestellt hätte – sie hätten lieber Jesus bei sich behalten, als „nur“ seinen Geist zu bekommen. Denn wenn Jesus geblieben wäre, hätten sie nichts und niemand anderen gebraucht. Ich würde zu gern wissen, ob die Jünger Jesus im Nachhinein recht gegeben haben – nach Pfingsten, als der Heilige Geist dann da war. Ob sie wirklich gesagt haben: „Ja, es war gut, dass Jesus weggegangen ist.“ Oder ob sie einfach nur damit zurechtgekommen sind und insgeheim der Zeit mit Jesus nachgetrauert haben. 

Ich denke, die Jünger haben sich auch nach Pfingsten schwergetan mit der Vorstellung: Es ist gut, dass Jesus weg ist. Aber vielleicht haben sie es geschafft, sich etwas Gutes daraus zu nehmen. Vielleicht haben sie es geschafft, die Tatsache: Jesus ist weg, nicht nur hinzunehmen und irgendwie damit zurechtzukommen. Sondern vielleicht haben sie es tatsächlich geschafft, sich etwas Gutes daraus zu nehmen. Vermutlich haben sie nach wie vor gesagt: „Es war nicht gut, dass Jesus weggegangen ist. Wir hätten ihn lieber bei uns behalten.“ Aber vielleicht haben sie es auch geschafft zu sagen: „Etwas Gutes hatte die Sache: Wir sind nach seinem Weggang aus uns herausgekommen. Wir sind manchmal sogar über uns selbst hinausgewachsen. Wir haben es gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen. Wir sind ein Stück weit erwachsen geworden – in unserem Glauben, in unserer Hoffnung und in unserer Liebe.“ 

Und genau das will ich auch versuchen. Genau das will ich auch versuchen zu schaffen: Mir etwas Gutes herauszunehmen – aus den Veränderungen, aus den Wechseln, aus den Umbrüchen und Abbrüchen des Lebens. Ich muss sie ja nicht gleich gut finden, aber ich will versuchen, mir etwas Gutes aus ihnen herauszunehmen. Es hat einmal jemand gesagt: Die Veränderungen, Wechsel, Umbrüche und Abbrüche des Lebens, „sind wie Stolpersteine, die uns zwar aus dem Tritt bringen, die jedoch ungeahnte Erfahrungen wachrufen können“. Und das Schöne ist, dass wir diesen Veränderungen des Lebens nicht allein begegnen müssen. Denn Jesus ist durch seinen Geist ganz nah bei uns. Und wir können uns auch gegenseitig helfen. Wir können uns gegenseitig Halt geben, einander stärken und füreinander da sein – in der Familie, in der Klasse, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, in der Gemeinde und nicht zuletzt in der Konfirmandengruppe. Damit keiner von den Veränderungen, Wechseln, Umbrüchen und Abbrüchen in seinem Leben ein Schleudertrauma bekommt. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.