Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, der für uns Mensch geworden ist, sei mit euch allen. Amen.
Liebe Gemeinde,
sicher kennen Sie das beliebte Rätselspiel: „Was passt nicht dazu?“. Bei diesem Spiel wird eine Reihe von Begriffen genannt. Sie alle haben ein gemeinsames Merkmal. Nur ein Begriff hat dieses Merkmal nicht. Er passt also nicht dazu. Ihn gilt es zu erraten. Zum Beispiel: „Schwein/ Esel/ Schildkröte/ Kuh/ Schaf“. Antwort: Die Schildkröte passt nicht dazu, denn sie ist kein Nutztier. Oder: „Limette/ Orange/ Zitrone/ Apfel/ Mandarine“. Antwort: Der Apfel passt nicht dazu, denn er ist keine Zitrusfrucht. Oder: „Buche/ Holunder/ Ahorn/ Eiche/ Linde“. Antwort: Holunder passt nicht dazu, denn er ist kein Baum. Oder: „Stille Nacht, heilige Nacht/ O du fröhliche/ „Nun singet und seid froh/ Herbei, o ihr Gläubgen/ Du Kind, zu dieser heilgen Zeit“. Antwort: „Du Kind, zu dieser heilgen Zeit“. Es ist zwar – wie die anderen auch – ein Weihnachtslied. Doch es passt trotzdem nicht so recht dazu. Doch hören Sie selbst. Lassen Sie uns die erste Strophe miteinander singen:
1. Du Kind, zu dieser heilgen Zeit
gedenken wir auch an dein Leid,
das wir zu dieser späten Nacht
durch unsre Schuld auf dich gebracht.
Kyrieleison.
Das ist ein eigenartige Weihnachtslied – ein Lied von stillem Ernst. Zum einen liegt das an der Melodie. Sie stammt von dem Komponisten und Organisten Volker Gwinner, der als Kirchenmusiker in Bremen, Dresden und Lüneburg tätig war sowie als Professor an der Hochschule für Musik in Hannover. Die Melodie zu dem Lied „Du Kind, zu dieser heilgen Zeit“ schrieb er im Jahr 1970.
Diese Melodie ist kein Ohrwurm wie die Melodie von „Stille Nacht, heilige Nacht“, sondern im Gegenteil: Sie will so gar nicht ins Ohr und ins Herz hineingehen. Die Melodie steht auch nicht in strahlendem Dur wie die von „ O du fröhliche“, sondern im Gegenteil: Sie steht in Moll. Und schließlich: Diese Melodie hat weder einen wiegenden 3er-Takt wie bei „Stille Nacht, heilige Nacht“ und „Nun singet und seid froh“ noch hat sie einen ruhigen und majestätischen 2er-Takt wie bei „O du fröhliche“ und „Herbei, o ihr Gläubgen“, sondern sie ist in einem eher seltenen und seltsam schwebenden 5/4-Takt geschrieben.
Wie gesagt: Es ist ein eigenartiges Weihnachtslied. Das liegt zum anderen natürlich auch am Text. Der Theologe und Schriftsteller Jochen Klepper hat ihn geschrieben. Es sind fünf kurze Strophen in schlichten, einfachen Sätzen und wie gesagt: von stillem Ernst. Jochen Klepper hat das Lied in der Adventszeit 1937 gedichtet, als sich für ihn ganz persönlich und für viele andere Menschen um ihn herum das Unheil der Zeit immer dichter zusammenbraute.
Jochen Klepper geht es in seinem Lied nicht um den „holden Knaben im lockigen Jahr“, der in „himmlischer Ruhe“ schläft. Natürlich geht es ihm um das Kind in der Krippe, aber Jochen Klepper schaut weit über die Krippe hinaus: „Du Kind, zu dieser heilgen Zeit gedenken wir auch an dein Leid.“ Und dieses Leid will so gar nicht zur „Welt“ passen, nicht zur „Weihnachtswelt“. In Strophe 2 heißt es: „Die Welt ist heut voll Freudenhall. Du aber liegst im armen Stall.“ Und nicht nur das: „Dein Urteilsspruch ist längst gefällt, das Kreuz ist dir schon aufgestellt.“ In Strophe 3 heißt es: „Die Welt liegt heut im Freudenlicht. Dein aber harret das Gericht. Dein Elend wendet keiner ab. Vor deiner Krippe gähnt das Grab.“ Und Strophe 4 verkündet: „Die Welt ist heut an Liedern reich. Dich aber bettet keiner weich und singt dich ein zu lindem Schlaf.“ Nein, ganz im Gegenteil: „Wir häuften auf dich unsre Straf.“ Jochen Klepper weist über Weihnachten weit hinaus. Er schaut in die Krippe und erkennt darin bereits das Kreuz. Er sieht auf das Leben und Leiden, das auf dieses Kind wartet.
Passt das zu Weihnachten? Passen solche Verse zu Weihnachten? Vermiesen sie einem nicht die ganze schöne Weihnachtsfreude? Ich denke nicht. Ich denke vielmehr: Das Lied vertieft die Weihnachtsfreude. Das Lied erinnert uns an den tiefen Grund unserer Weihnachtsfreude. Es erinnert uns daran, dass es hier um nichts weniger als das Heil der ganzen Welt geht – das Heil der Welt und meines ganz persönlichen Lebens. Das Heil, das stärker ist als alles Leid dieser Welt. Das sogar stärker ist als der Tod.
Wobei es Jochen Klepper nicht ums bloße Erinnern geht, sondern ums Gedenken: „Du Kind, zu dieser heilgen Zeit, gedenken wir auch an dein Leid.“ Gedenken ist mehr als nur Erinnern. Denn im Gedenken blicken wir nicht einfach auf Vergangenes zurück, sondern im Gedenken vergegenwärtigen wir das Vergangene. Im Gedenken holen wir das Vergangene hinein in unsere Gegenwart. Und genau das tut Jochen Klepper in seinem Weihnachtslied: Er holt die Geschichte des Heils, die Geschichte unseres Heils hinein in unsere oft heillose Gegenwart – jene Geschichte, die in der Krippe begonnen hat und die am Kreuz an ihr Ziel kam. Daher schreibt Klepper in den folgenden Strophen nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart: „Du aber liegst im armen Stall. Das Kreuz ist dir schon aufgestellt. Vor deiner Krippe gähnt das Grab.“ Stall und Kreuz, Krippe und Grab – all das ist gegenwärtig durch unser Gedenken. Uns zum Heil in unserer oft heillosen Gegenwart.
Lassen Sie uns miteinander die Strophen 2-4 singen.
2. Die Welt ist heut voll Freudenhall.
Du aber liegst im armen Stall.
Dein Urteilsspruch ist längst gefällt,
das Kreuz ist dir schon aufgestellt.
Kyrieleison.
3. Die Welt liegt heut im Freudenlicht.
Dein aber harret das Gericht.
Dein Elend wendet keiner ab.
Vor deiner Krippe gähnt das Grab.
Kyrieleison.
4. Die Welt ist heut an Liedern reich.
Dich aber bettet keiner weich
und singt dich ein zu lindem Schlaf.
Wir häuften auf dich unsre Straf.
Kyrieleison.
Wie kommt man dazu, ein Weihnachtslied von solch stillem Ernst zu schreiben? Hatte Jochen Klepper etwa keinen Sinn oder keinen Blick für das Schöne der Advents- und Weihnachtszeit? Ich denke, das ist nicht der Grund. Denn in seinen umfangreichen Tagebucheinträgen erscheint er als jemand, der diese besondere Zeit des Jahres gerade im Jahr 1937 mit allen Sinnen in sich aufgesogen hat.
Am 1. Advent 1937 schreibt er: „Friedevoll und kühl und weich die Sonne in den beiden Stuben auf dem Adventskranz, den Hirtenfiguren, der Madonna, dem Tannenstrauß. Die Glocken des Nachmittagsgottesdienstes in der Dunkelheit. Nach dem Abendbrot wurden die Lichter des Adventskranzes angezündet. Die anderen Leuchter brannten, und Äpfel, Nüsse und Renerles Backwerk waren auf dem schönen Zinngeschirr bereitgestellt.“
Und am 4. Advent heißt es: „In der Markuskirche in Steglitz. Sie war so schön geschmückt: der große Herrnhuter Stern, die beiden kleinen Adventsbäumchen mit zwei Lichterreihen davor, der Adventskranz auf dem Taufbecken (…) Dazu die Lieder, die das Fest bereiten. Am Nachmittag packten wir schon alle Post und Stadtpakete, und das Glöckchen der kleinen Johanniskapelle läutete emsig.“
An Weihnachten schreibt Klepper über ihr weihnachtlich geschmücktes Haus folgendes in sein Tagebuch: „Es ist das vollkommenste Weihnachtshaus, das ich je sah. Hier sind alle Wünsche erfüllt, ist nur Freude und Dank und das Gebet, Gott möge erhalten, was er gab.“
Und über den Christnachtgottesdienst 1937 notiert er: „Die Lieder waren schön und schön gesungen. Festlich war, wie rings um den Kirchplatz nach dem Gottesdienst die Fenster von Christbäumen strahlten, wie die Kirche mit ihren vielen Fenstern ganz im Lichte lag.“
„Die Welt ist heut im Freudenhall. Die Welt liegt heut im Freudenlicht. Die Welt ist heut an Liedern reich.“ Das alles kennt und liebt Jochen Klepper. Das alles erlebt er intensiv mit. Und schreibt dann doch ein Weihnachtslied von stillem Ernst – ohne jede Idylle, mit Blick auf den, für den das Kreuz schon aufgestellt ist und vor dessen Krippe das Grab gähnt.
Vielleicht wurde Jochen Klepper dazu durch die Figur eines Grablegungschristus inspiriert. Eine solche Figur stand im Hause Klepper inmitten des Weihnachtsschmuckes. Doch es war sicherlich nicht nur jene Figur des ins Grab gelegten Christus, die ihm täglich vor Augen war und inspirierte. Es war auch das eigene Leid und die eigene Angst, die ihn umtrieben. Klepper schrieb seine Lieder und Gedichte, ohne zu wissen, ob er sie jemals würde veröffentlichen können. Denn seit einigen Monaten war er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. 1929 hatte er die jüdische Witwe Johanna Stein kennengelernt. 1931 heiratete der damals 28-Jährige die um 13 Jahre ältere, gebildete und kultivierte Frau, die die Töchter Brigitte und Renate mit in die Ehe brachte. Als christlicher Autor, der mit einer Jüdin verheiratet war, gehörte Klepper zu jenen Autoren, deren Werk als „entartet“ galt.
Jochen Klepper kämpfte darum, wieder veröffentlichen zu können, doch die Genehmigung wollte und wollte nicht eintreffen.
Am 7. Dezember 1937 schreibt er in sein Tagebuch: „Der Gang zum Briefkasten draußen kommt mir immer härter an. Todmüde. Doch stumpft man nicht ab; man wird immer verwundbarer.“
Und am Montag nach dem 3. Advent heißt es: „Der für heute mit der Reichsschrifttumskammer vereinbarte Anruf war wieder umsonst. Nichts ist erfolgt, und niemand lässt sich sprechen.“
In seiner Not sucht Jochen Klepper Zuflucht in seinem Glauben. Und er wird fündig. Doch Zuflucht findet er letztlich nicht in der Idylle des vollkommenen Weihnachtshauses. Er findet sie letztlich auch nicht im Freudenhall der Glocken oder im Freudenlicht der Kerzen oder im schönen Klang der Lieder – so wichtig ihm all das ist. Zuflucht findet er letztlich in der Gegenwart des Gekreuzigten. Bei dem, zum dem sich rufen und schreien lässt: „Kyrieleison – Herr, erbarme dich.“ Und der Gekreuzigte ist bereits in dem Kind in der Krippe zu finden, das da im armen Stall liegt, das keiner weich bettet und das nicht in einen linden Schlaf gesungen wird. In ihm findet Klepper einen, der ihm nahe ist. Hier - im Kind in der Krippe, das zum Mann am Kreuz wird - findet er Trost und Halt und Kraft. Und darum schreibt er ein Weihnachtslied, das so anders ist als alle anderen Weihnachtslieder. Darum schreibt er ein Weihnachtslied, das nicht so recht zu passen scheint.
Man könnte Kleppers Weihnachtslied auch als Christuslied beschreiben. Denn so wenig Jochen Klepper bei dem Kind in der Krippe stehen bleibt, sondern in ihm bereits den Gekreuzigten sieht. So wenig bleibt er bei dem Gekreuzigten stehen, sondern erkennt in ihm bereits den Auferstandenen. Ihm widmet er die letztes Strophe seines Liedes. Und er ist gewiss: Diesen Christus – das Kind in der Krippe, den Mann am Kreuz, den Auferstandenen – wird er einmal von Angesicht zu Angesicht sehen. Dann, wenn Gott abwischen wird alle Tränen von den Augen, wenn der Tod nicht mehr sein wird noch Leid noch Geschrei noch Schmerz. Dann, wenn „ohne Bitterkeit das Herz zum Gesange weit“ sein wird. Dann, wenn alle einstimmen werden in den Freuden- und Jubelruf „Hosianna“. Diesem Christus sei Ehre in Ewigkeit.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.
Lassen Sie uns miteinander noch die fünfte Strophe singen.
5. Wenn wir mit dir einst auferstehn
und dich von Angesichte sehn,
dann erst ist ohne Bitterkeit
das Herz uns zum Gesange weit.
Hosianna.